Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2019

Die vier Finalist*innen 2019 waren Laia Abril, Susan Meiselas, Arwed Messmer und Mark Ruwedel. Ihre Projekte befassen sich ebenso mit politischen und gender-bezogenen Debatten wie mit sozialer Ungerechtigkeit und Menschenrechtsfragen. Dabei reichen ihre künstlerischen Strategien von visueller Recherche bis zur eigenen Bildproduktion. Die mit 30.000 Britischen Pfund dotierte Auszeichnung wurde am 16. Mai 2019 in London an Susan Meiselas für ihre Ausstellung „Mediations" im Jeu de Paume in Paris verliehen. Die Jury würdigte damit Meiselas' bemerkenswerten Beitrag zur sozial engagierten Fotografie. Dieser ist geprägt vom persönlichen Einsatz, der sich insbesondere in ihrer Dokumentation von individuellen und historischen Ereignissen widerspiegelt.

Die Projekte, für die die Künstler*innen nominiert wurden, waren zunächst in der Photographers' Gallery London zu sehen und wurden vom 14. Juni bis zum 23. August in der Unternehmenszentrale der Deutschen Börse in Eschborn/Frankfurt präsentiert.

Jury

Sunil Gupta, Künstler, Schriftsteller und Kurator; Diane Dufour, Direktorin des Le Bal, Paris; Felix Hoffmann, Hauptkurator der C/O Berlin; Anne-Marie Beckmann, Direktorin, Deutsche Börse Photography Foundation, Frankfurt; Brett Rogers, Direktorin, The Photographers' Gallery, London als Jury-Vorsitzende ohne Stimmrecht

Die Finalist*innen wurden für folgende Projekte nominiert:

Laia Abril, Illegal Instrument Kit © Laia Abril, 2018

Laia Abril

Laia Abril (geb. 1986, Spanien) wurde für ihr Buch On Abortion (Dewi Lewis Publishing, November 2017) nominiert.

On Abortion ist eine visuelle Recherche, die sich mit der Geschichte, der Gegenwart und der aktuellen Entwicklung des Themas Abtreibung befasst und die kontinuierliche Verletzung der Selbstbestimmungsrechte von Frauen aufzeigt. Seit Jahrhunderten suchen Menschen nach Möglichkeiten, riskante oder ungewollte Schwangerschaften zu beenden. Zwar gibt es heutzutage sichere und effiziente Mittel für den Abbruch einer Schwangerschaft, dennoch sind viele Frauen gezwungen, auf altertümliche, illegale oder riskante Methoden zurückzugreifen. So kommt es jedes Jahr zu etwa 47.000 Todesfällen durch missglückte Eingriffe. In dieser sorgfältig recherchierten Arbeit dokumentiert Abril die physischen und psychischen Gefahren, die mit dem mangelnden Zugang zu einem legalen, sicheren und kostenlosen Schwangerschaftsabbruch verbunden sind. Ihre Sammlung aus Bild-, Audio- und Textmaterial belegt auf eindrückliche Weise, welche Folgen riskante Methoden der Abtreibung haben. Das gesammelte Material wirft komplexe ethische und moralische Fragen rund um diese Thematik auf und stellt die verschiedenen gesellschaftlich bedingten Beweggründe, Stigmata und Tabus dar, die in Bezug auf Abtreibung noch immer vorherrschen. On Abortion ist das erste Kapitel von Abrils länger angelegtem Projekt, A History of Misogyny.

Susan Meiselas, Villagers watch exhumation at a former Iraqi military headquarters outside Sulaymaniyah, Northern Iraq, 1991 © Susan Meiselas, 2018

Susan Meiselas

Susan Meiselas (geb. 1948, USA) wurde für die Ausstellung Mediations (Jeu de Paume, Paris, 6. Februar - 30. Mai 2018) nominiert.

Susan Meiselas gilt als eine der weltweit führenden Dokumentarfotografinnen. Erstmals bekannt wurde sie für ihre Arbeiten, die zwischen 1978 und 1983 in den Konfliktzonen Zentralamerikas entstanden sind; besonders eindringlich sind ihre Fotografien, die die Revolution in Nicaragua dokumentieren. Meiselas' Ansatz ist einfühlsam, sie arbeitet mit ihren Sujets oft über einen längeren Zeitraum. Ihre Motive umfassen eine Vielzahl schwieriger Themen rund um ethnische und religiöse Konflikte, Menschenrechte und die Sex-Industrie. Meiselas bedient sich in ihren Arbeiten unterschiedlicher Methoden, so kombiniert sie fotografische Essays, Installationen, Audios, Film und gedrucktes Material. Mediations ist die umfassendste Retrospektive von Meiselas' Arbeit in Europa, bei der Fotoserien aus den 1970er-Jahren bis zur Gegenwart zu sehen sind. Die Ausstellung zeigt ihren einzigartigen Ansatz als Künstlerin, die ständig die Bedeutung des Bildes in Bezug auf den Kontext hinterfragt, in dem es erscheint.

Arwed Messmer RAF No Evidence/Kein Beweis, 2017 © Arwed Messmer: research, concept and editing; source: German Federal Archives, 2018

Arwed Messmer

Arwed Messmer (geb. 1964, Deutschland) wurde für seine Ausstellung RAF – No Evidence / Kein Beweis (ZEPHYR|Raum für Fotografie, Mannheim, 9. September - 5. November 2017) nominiert.

Diese Arbeit spannt den Bogen von den Anfängen bis zum Ende der Roten Armee Fraktion (RAF). Die linksextremistische Vereinigung, 1970 entstanden, verübte im Verlauf von über dreißig Jahren eine Reihe von gewalttätigen Terroranschlägen in Deutschland. Messmer konzentriert sich in seiner Arbeit auf den Zeitraum von 1967 bis 1977. Er zeichnet die Beteiligung der Gruppe an Ereignissen wie den Student*innenunruhen 1968 und der Gewaltentladung des „Deutschen Herbsts" 1977 nach. Seine Arbeit basiert auf einer Vielzahl von Bildquellen aus verschiedenen staatlichen Archiven, darunter eine umfassende Sammlung an erkennungsdienstlichen Aufnahmen, Tatortbildern und Dokumentarfotografien. Das Spektrum reicht hier von banalen Aufnahmen bis hin zu surreal anmutenden Bildern. Indem er die Werkzeuge und Materialien, die bei polizeilichen Ermittlungen und der Rekonstruktion von Tatorten zum Einsatz kommen, in einen neuen Kontext stellt, untersucht Messmers „Erzählung", wie Bilder, die ursprünglich für die Beweisaufnahme bei Straftaten gemacht wurden, einen anderen Blick auf die Vergangenheit eröffnen.

Mark Ruwedel, Antelope Valley 1438, 2008 © Mark Ruwedel, 2018

Mark Ruwedel

Mark Ruwedel (geb. 1955, USA) wurde für die Ausstellung Artist and Society: Mark Ruwedel (16. Februar -16. Dezember 2018, Tate Modern, London) nominiert.

Mit seinen Fotografien, die über einen Zeitraum von vielen Jahren in Nordamerika entstanden sind, geht Mark Ruwedel der Frage nach, welche Spuren geologische, historische und politische Ereignisse in der Landschaft hinterlassen. Die Arbeiten in dieser Ausstellung stammen aus der Zeit von 1995 bis 2012 und sie zeugen von Ruwedels Interesse an der Geschichte der Fotografie sowie an den konzeptionellen Kunstformen der 1960er und 1970er Jahren. Mark Ruwedel verbindet in seinen Arbeiten dokumentarische und konzeptuelle Ansätze der bildlichen Darstellung. Oftmals fotografiert er dabei immer wieder dasselbe Motiv. Sein Werk ist aber auch von der „Land Art" beeinflusst, wie seine Bilder von weiten Landschaften, stillgelegten Bahnstrecken, verlassenen Atomtestgeländen und verlassenen Wohnhäusern belegen. Mit der Verwendung von altmodischen Fotopapieren, der traditionellen Entwicklung in der Dunkelkammer und handgeschriebenen Bildunterschriften verweisen seine Werke auf eine historische fotografische Praxis. Sein Faible für den fotografischen Belichtungsprozess sowie den Objektcharakter von Fotografien zeigt sich zudem an den handgefertigten Büchern, die einen wesentlichen Teil seiner künstlerischen Arbeit darstellen.