Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2021

Die vier Finalisten des Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2021 sind Poulomi Basu, Alejandro Cartagena, Cao Fei und Zineb Sedira. Damit präsentiert die diesjährige Shortlist vier einzigartige Künstler, deren mutige und weitreichende Projekte geographische Gebiete von Algerien bis China abdecken und sich mit Themen von sowohl lokaler als auch globaler Bedeutung beschäftigen.

Sie reichen von Poulomi Basus kompromisslos komplexer Darstellung des Konflikts in Zentralindien und Alejandro Cartagenas vernichtender Kritik der Auswirkungen von Wohneigentum und Immobilienentwicklungsprojekten im Norden Mexikos über den enormen Einfluss von Technologien auf persönliche Erfahrungen in Cao Feis dystopischen Multimediaproduktionen bis hin zu Zineb Sediras großzügiger autofiktiver Erkundung von Erinnerung, Kultur und Zugehörigkeit. Alle nominierten Projekte haben eines gemeinsam: Sie nutzen die Fotografie zur Vermittlung subjektiver Wahrheiten und zur Infragestellung politischer Realitäten.

Die von Anna Dannemann kuratierte Ausstellung der nominierten Projekte wird vom 19. März bis 27. Juni 2021 in der Photographers’ Gallery ausgestellt, vom 5. Juni bis 12. September 2021 ist sie zudem als Teil der internationalen Fotografietriennale RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain am Unternehmenssitz der Deutschen Börse in Eschborn/Frankfurt zu sehen.

Der Gewinner der mit 30.000 £ dotierten Auszeichnung wird im späten Frühling 2021 verkündet. Alle Einzelheiten werden im Januar 2021 bekanntgegeben.

Jury

Die diesjährige Jury setzt sich zusammen aus: Cristina de Middel, Künstlerin; Simon Njami, unabhängiger Kurator, Schriftsteller, Dozent und Kunstkritiker; Anna Tellgren, Kuratorin für Fotografie, Moderna Museet, Stockholm; Anne-Marie Beckmann, Direktorin, Deutsche Börse Photography Foundation, Frankfurt; und Brett Rogers, Direktorin, The Photographers’ Gallery, weiterhin Jury-Vorsitzende ohne Stimmrecht.

 

Poulomi Basu, "Centralia", 2020 © Poulomi Basu

Poulomi Basu

Poulomi Basu wurde für Ihr Buch Centralia (Dewi Lewis Publishing, 2020) nominiert.

Poulomi Basu (*1983, Indien) ist eine transmediale Künstlerin, Fotografin und Aktivistin. Ihr komplexes und schonungsloses Werk macht auf einen gewaltsam ausgetragen Konflikt aufmerksam, der weltweit kaum Beachtung findet: den Kampf einer marginalisierten Gemeinschaft indigener Völker unter der People's Liberation Guerilla Army (PLGA) gegen den indischen Staat. Die Aufnahmen in Centralia sind überwiegend in Zentralindien entstanden. Das Buch ist das Ergebnis eines Langzeitprojekts, das sich auf die Region konzentriert, aber auch auf die Grenzen der traditionellen Dokumentarfotografie, um die offene und vielschichtige Realität zeitgenössischer Konflikte aufzudecken. In ihren Bildern nimmt Basu Bezug auf dystopische Science-Fiction-Metaphern und bricht mit konventionell-linearen Erzählformaten. Sie schafft damit ein nuancenreiches Werk, das den Blick in eine Zukunft eröffnet, in der die aktuellen Ereignisse ihren Höhepunkt erreicht haben werden. Basu bedient sich einer Vielzahl von Bildtechniken, die von der kinematografischen Doppelbelichtung dunkler Landschaften über inszenierte Porträts, die Verwendung von Fremdmaterial und schockierenden Fotos von Tatorten tödlicher Verbrechen, Zeugenaussagen und Fahndungsfotos gefallener, oft weiblicher Revolutionskämpfer bis hin zu Bildern reichen, auf denen traditionelle Feierlichkeiten in ländlichen Gemeinden zu sehen sind. Durch die sorgfältig inszenierte Gegenüberstellung des Bildmaterials zeigt Basus Buch die Normalisierung der Gewalt und die Mechanismen des Konflikts aus vielen unterschiedlichen Perspektiven. Darüber hinaus befasst sich das Projekt mit weiter gefassten Fragen der Umwelt- und Klimagerechtigkeit, der Rolle von Frauen, die oft an mehreren Fronten gegen Ungleichheit kämpfen, und der Darstellung dieser Konflikte in westlichen Gesellschaften.

 

Alejandro Cartagana, Man digging a hole from "A Small Guide to Homeownership" © Alejandro Cartagana

Alejandro Cartagana

Alejandro Cartagena wurde für sein Buch A Small Guide to Homeownership (Velvet Cell, 2020) nominiert.

Das jüngste Buch des mexikanischen Fotografen Alejandro Cartagena (*1977, Dominikanische Republik) ist die Fortsetzung seiner umfangreichen visuellen Dokumentation der Urbanisierung im Norden Mexikos. Das Projekt ist das Ergebnis einer sich über mehr als 15 Jahre erstreckenden Arbeit und befasst sich mit idealisierten Vorstellungen vom Leben in den Vorstädten und den enormen Auswirkungen dieser dysfunktionalen Entwicklungen auf die umliegende Region durch den Ausbau von Verkehrsverbindungen, Infrastrukturen und einem sowohl in der Architektur als auch in der Stadtplanung vorherrschenden standardisierten, schablonenhaften Ansatz. Stilistisch ähnelt A Small Guide to Homeownownership den allgegenwärtigen Selbsthilfe-Ratgebern. Auf über 300 Seiten aus dünnem Papier beinhaltet das Buch ein breites Spektrum an Bildmaterial. Unter Verwendung von Landschaftsbildern, Werbeanzeigen, Texten, Porträts, Stadtkulissen und Dokumentarfotografie sind Schichtcollagen entstanden, in denen Cartagena ein komplexes und abschreckendes Lehrstück zum Thema Hauskauf in Mexiko schafft. Sie zeigen die zugrundeliegenden wie auch resultierenden historischen, politischen, öffentlichen und persönlichen Konzepte und Prozesse. Das Buch folgt einer Reihe von Protagonisten, darunter Cartagenas Bruder, und dokumentiert deren persönliche Kämpfe bei der Überwindung bürokratischer Herausforderungen auf dem Weg zur Erfüllung des propagierten Traumes vom eigenen Heim. Ein weiterer Aspekt, der sich im Buch als wichtiges Thema herauskristallisiert, ist der US-amerikanische Ansatz zur Stadtentwicklung und Gentrifizierung, der die mexikanische Politik seit den 1960er Jahren stark beeinflusst und dort seither die wirtschaftliche und soziale Spaltung schürt.

Cao Fei, "Nova", 2019 © Cao Fei

Cao Fei

Cao Fei wurde für ihre Ausstellung Blueprints in der Serpentine Gallery, London (4. März – 7. Mai 2020, wiedereröffnet nach dem Lockdown im Zeitraum 4. August – 13. September 2020) nominiert.

Film, digitale Medien, Fotografie, Skulptur und Performance: die chinesische Künstlerin Cao Fei (*1978, Guangzhou, China) hat anhand unterschiedlicher Medien und Ausdrucksformen in den letzten zwei Jahrzehnten ein umfangreiches Werk geschaffen. Im Mittelpunkt stand dabei stets die Frage, wie die rasante Digitalisierung und der allgemeine technologische Fortschritt unser Selbstverständnis und die Art und Weise, wie wir die Realität verstehen und uns in ihr bewegen, radikal verändert haben. In o. g. Ausstellung, bei der es sich um die erste große Einzelausstellung von Cao Fei in Großbritannien handelte, hat die Künstlerin neue und ältere Werke in einer speziell auf den Ausstellungsort zugeschnittenen Installation neu zusammengestellt. Unter den gezeigten Werken waren das neue VR-Stück The Eternal Wave, der Science-Fiction-Film Nova (in Spielfilmlänge) sowie frühere Projekte wie Whose Utopia, Asia One und La Town. Viele Projekte der Künstlerin beschäftigen sich mit den Auswirkungen von Automatisierung, virtuellen Realitäten und der Hyperurbanisierung auf die menschliche Existenz sowie mit Fragen der Erinnerung, der Geschichte, des Konsumverhaltens und gesellschaftlicher Strukturen – insbesondere in ihrer Heimat China. Ihre Arbeiten schaffen komplexe, surreale und fiktionale Szenarien, die oft ebenso düster-humorvoll wie dystopisch daherkommen. Sie hinterfragen moderne Überwachungs-, Produktions- und Arbeitssysteme, die unsere Beziehung zu intelligenten Maschinen widerspiegeln, und kommentieren ihre isolierende Wirkung auf alle Bereiche des individuellen Lebens kritisch. Die filmischen Arbeiten spielen oft an labyrinthartigen, industriellen oder städtischen Schauplätzen, in denen der menschliche Körper, die Identität und die Emotionen fremd oder überflüssig und die bevorstehende Zukunft voll apokalyptischer Ungewissheit erscheinen. In diesen dunklen und verqueren Szenerien gibt es jedoch auch immer wieder Momente der Subversion, in denen die Protagonisten es schaffen, Technologien zur Gestaltung einer alternativen, kollektiven Zukunft zu nutzen.

Exhibition view Zineb Sedira, "A Brief Moment", 2019 © Zineb Sedira

Zineb Sedira

Zineb Sedira wurde für Ihre Ausstellung A Brief Moment im Jeu de Paume, Paris (15. Oktober 2019 – 19. Januar 2020) nominiert.

Die in London lebende Künstlerin Zineb Sedira (*1963, Paris, Frankreich) arbeitet mit Fotografie, Installation und Film, um kraftvolle, immersive Projekte zu schaffen, die sich mit den universellen Themen Identität, Mobilität, Geschlechterrollen und Umwelt auseinandersetzen. In ihrer ersten großen Retrospektive in Paris, A Brief Moment, wurden Arbeiten aus dem Zeitraum von 1998 bis heute gezeigt. Die Ausstellung konzentrierte sich auf Sedira's Gebrauch von Archiven, denn die Künstlerin erkundet mit diesen sowohl die Funktion und Wirkung von Bildern als auch den durch das Sammeln und Ausstellen dieser Bilder angestoßenen Prozess einer (Neu-)Konstruktion von Bedeutung. Häufig verbindet Sedira das Persönliche mit dem Global-Politischen, um kollektive Erzählungen schaffen, die von den Erfahrungen jener Menschen zeugen, die zwischen verschiedenen Kulturen leben. Dazu bedient sie sich oftmals ihrer eigenen Familiengeschichte, die eng mit der von Algier, Frankreich und Großbritannien verwoben ist. Sediras Projekte sind reich an Metaphern und befinden sich im ständigen Wandel – zwischen einem vielschichtigen Porträt der Künstlerin und der weitreichenderen Reflexion von Erinnerung, Kultur und Zugehörigkeit. Die Arbeit Standing Here Wondering Which Way to Go ist ein nach dem Modell des Wohnzimmers der Künstlerin gebautes Set, das von Betrachtern betreten werden kann. Es soll den Einfluss des Panafrikanischen Festivals von Algier 1969 und der revolutionären Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre in den Vordergrund rücken. Ähnlich wie ihre Videoarbeiten sind die persönlichen Installationen vom Idealismus einer multikulturellen Welt inspiriert, die in den Gegenkulturbewegungen dieser Ära entstanden ist und den Auswirkungen der geopolitischen und industriellen Veränderungen im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert gegenübergestellt wird.