Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2023

Die vier Finalist*innen des Deutsche Börse Photography Foundation Prize 2023 stehen fest: Bieke Depoorter, Samuel Fosso, Arthur Jafa und Frida Orupabo.

Die Finalist*innen reizen die Grenzen des fotografischen Mediums aus und bezeugen eindrucksvoll dessen Widerhall und Relevanz als kulturelle Kraft von heute. Die Bandbreite ihrer Projekte reicht vom Verwischen der Beziehung zwischen Fotograf*in und Motiv und dem Entschlüsseln einer Ethik des Fotografierens bis hin zur Erforschung von Geschlecht und Sexualität, Gewalt, Ungerechtigkeit und Schwarzer Erfahrung.

Die jährliche Ausstellung der ausgewählten Projekte wird vom 3. März bis 11. Juni 2023 in The Photographers’ Gallery, London, zu sehen sein.

Der*die Gewinner*in der Auszeichnung wird im Rahmen einer Preisverleihung am 11. Mai 2023 in der Photographers’ Gallery bekanntgegeben und erhält 30.000 £ als Preisgeld. Die anderen drei Finalist*innen erhalten jeweils 5.000 £. Einzelheiten zur Ausstellung und Preisverleihung werden Anfang 2023 bekannt gegeben.

 

Jury

Die diesjährige Jury setzt sich zusammen aus: Thyago Nogueira, Leiter des Bereichs Contemporary Photography am Instituto Moreira Salles, São Paulo; Natalie Herschdorfer, Direktorin des Photo Elysée, Lausanne; Mahtab Hussain, Künstler; Anne-Marie Beckmann, Direktorin der Deutsche Börse Photography Foundation, Frankfurt/Main, sowie Brett Rogers, OBE, Direktorin der Photographers’ Gallery, London, als stimmberechtigte Vorsitzende.

 

Bieke Depoorter, Agata Paris, France, November 2, 2017 © Bieke Depoorter/ Magnum Photos (in collaboration with Agata Kay) Courtesy of the artist

Bieke Depoorter

Bieke Depoorter wurde für ihre Ausstellung „A Chance Encounter“ im C/O Berlin (30. April – 7. September 2022) als Finalistin ausgewählt.

In der Präsentation, die Installationen, Projektionen, Filme und Fotografien umfasst, lässt Bieke Depoorter (* 1986, Kortrijk, Belgien) das traditionelle Verhältnis zwischen Fotograf*in und Motiv unscharf werden. Die Ausstellung präsentiert mit „Agata“ und „Michael“ zwei fortlaufende Arbeiten, die sich über mehrere Jahre hinweg aufbauen. Eine zufällige Begegnung entwickelt sich zu einer anhaltenden persönlichen Beziehung und daraus folgend einer Befragung des Mediums der Fotografie. In „Michael“ beschäftigt sich Bieke Depoorter mit dem Leben und dem Verschwinden eines Mannes, den sie 2015 auf den Straßen von Portland, Oregon, kennengelernt hat. Nachdem er ihr drei Koffer mit persönlichen Gegenständen, Skizzenbüchern und Essays überlässt, wird Depoorter zur akribischen Detektivin. Die Ausstellung dokumentiert ihre intensive – und möglicherweise obsessive – Spurensuche in dem Bemühen, Michael aufzufinden und sein Leben zu verstehen. In „Agata“ – sowohl in der Ausstellung als auch im von der Künstlerin produzierten Fotobuch – entfaltet sich eine erste Begegnung in einem Pariser Striptease-Lokal 2017 zu einem ebenso spannungsgeladenen wie komplexen Versuch der Kollaboration. Hier treten Porträts und Worte von Agata Kay in einen intensiven Dialog mit Depoorters Bildern und brieflichen Äußerungen. Sie bieten keine abschließenden Erkenntnisse, sondern eine lebendige, abwechslungsreiche visuelle Erzählung, die Konzepte authentischer bzw. performativer Identität erforscht. In „Agata“ geht es um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Wahrheit in der Darstellung, um den Spielraum künstlerischer Autor*innenschaft und ethischer Verantwortung der Fotografierenden, persönliche Abgrenzungen, aber auch die Grenzen einer künstlerischen Freundschaft.

Samuel Fosso Autoportrait, from the Series 70’s Lifestyle, 1976 © Samuel Fosso Courtesy of the artist and JM Patras, Paris

Samuel Fosso

Samuel Fosso wurde für seine Retrospektive „Samuel Fosso“ in der Maison Européenne de la Photographie, Paris (10. November 2021 – 13. März 2022) als Finalist ausgewählt.

Seit Mitte der 1970er Jahre widmet sich Samuel Fosso (* 1962, Kumba, Kamerun) dem Selbstporträt und der performativen Fotografie. Die Retrospektive zeichnet eine fast 50-jährige Karriere künstlerischer Praxis nach und umfasst mehr als 300 Abzüge. In der Ausstellung finden sich berühme Fotoserien, aber auch weniger bekannte Arbeiten, Archivmaterial und bislang unveröffentlichte Bilder, die vor allem in großformatigen Ensembles gezeigt werden. Der in Kumba, Kamerun, geborene und in Nigeria aufgewachsene Künstler floh als kleiner Junge vor dem Biafra-Krieg und kam 1972 bei einem Onkel in Bangui in der Zentralafrikanischen Republik unter. 1975, im Alter von 13 Jahren, eröffnete Samuel Fosso sein Studio Photo Nationale. Neben kommerziellen Aufträgen begann er sofort mit einer Serie von Selbstporträts – eine Darstellungsform, die Fosso nie wieder aufgegeben hat. Indem er vor der Kamera in die Rolle von bedeutenden historischen Figuren oder gesellschaftlichen Archetypen schlüpft, verkörpert der Künstler eine kraftvolle Art, in der Welt zu existieren und demonstriert zugleich anschaulich die Rolle der Fotografie in der Konstruktion von Mythen.

Arthur Jafa: LIVE EVIL, LUMA Arles, France, April 14 – November 14, 2022 © Arthur Jafa Courtesy of the artist, LUMA Arles, and Gladstone Gallery. Photography by Andrea Rossetti

Arthur Jafa

Arthur Jafa wurde für seine Ausstellung „Live Evil“ im LUMA, Arles (14. April – 13. November 2022) als Finalist ausgewählt.

Der Künstler und Filmemacher Arthur Jafa (* 1960, Tupelo, USA) wurde für die bislang größte und umfangreichste Ausstellung seines Werks als Finalist ausgewählt. Jafa schöpft aus einem gewaltigen Archiv von Film- und Standbildern und schafft emotional durchdringende, hochdynamische Filme und raumfüllende Installationen. Seine Überzeugungskraft bezieht Jafa im Ausstellungsraum wie auf der Leinwand aus der geschickten Gegenüberstellung und einer lyrischen, synkopischen Montage. Hier kommen die Bedeutung seines persönlichen Archivs und sein Instinkt als Bildersammler zum Tragen: Seit den 1980er Jahren sammelt Jafa Bilder aus Büchern und Zeitschriften, montiert sie in Alben und arrangiert dieses Bildmaterial zunächst in seinen Notizbüchern und später in dynamischen Kunstprojekten immer wieder neu. Neben Aufnahmen für Nachrichtenmedien und privaten Videos greift er bevorzugt auf YouTube zurück. Indem er kulturelle Artefakte mit ihren Resonanzen nebeneinanderordnet, verweist der Künstler auf universelle und spezifische Ausdrucksformen Schwarzer Erfahrung und stellt sie zugleich infrage. Er verzichtet auf eine lineare Erzählung und organisiert sein Material anhand formaler und affektiver Assoziationen, indem er seine Bilder durch visuelle Ähnlichkeit oder thematische Widerklänge miteinander verknüpft. Auf diese Weise zielt Arthur Jafa auf eine Kunst, die sich „die Kraft, die Schönheit und die Entfremdung Schwarzer Musik“ zunutze macht.

Frida Orupabo A lil help, 2021 © Frida Orupabo Courtesy of the artist and Galerie Nordenhake, Berlin, Stockholm, Mexico City

Frida Orupabo

Frida Orupabo wurde für ihre Ausstellung “I have seen a million pictures of my face and still I have no idea” im Fotomuseum Winterthur (26. Februar bis 29. Mai 2022) als Finalistin ausgewählt.

Bei den skulpturalen Collagen und digitalen Arbeiten von Frida Orupabo (* 1986, Sarpsborg, Norwegen) handelt es sich um vielschichtige Formationen, die sich mit Fragen nach Race, Sexualität und Identität auseinandersetzen. Die norwegisch-nigerianische Künstlerin und Soziologin stützt ihre Untersuchung dabei auf eigene Erfahrungen von kultureller Zugehörigkeit. Unter Verwendung von kursierendem Material aus dem Internet, das von Fotografien aus der Kolonialzeit und ethnografischen Reliquien bis hin zu zeitgenössischem Bildmaterial reicht, ordnen Orupabos handgefertigte Arbeiten das Archiv neu an und gestalten es um. Die daraus resultierenden Bilder haben die Form fragmentierter Schwarzer – meist weiblicher – Körper. Diese zunächst zerschnittenen Gestalten werden nun in einem ausgefeilten poetischen Verfahren Schicht für Schicht so zusammengefügt, dass eindimensionalen Darstellungen Schwarzen Lebens eine Absage erteilt wird. Orupabo gesteht ihm vielmehr Komplexität, Ambivalenz und Widersprüchlichkeit zu. Ihre collagierten Ausschnitte fangen unseren Blick ein und ermöglichen ganz unterschiedliche Lesarten der Geschichten und des Lebens der abgebildeten Personen, von denen etliche in den geläufigen Archiven gar nicht vorkommen. Auf diese Weise lädt die Künstlerin zu einer Betrachtung darüber ein, wie stark die Fotografie zur Bildung und Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse und Gewalt beiträgt.