Barbara Klemm

Dramaturgie des Augenblicks

Wie bleibt Vergangenheit in unserem Gedächtnis haften? In Form von Geschichten und in Bildern. Seit je schreiben Dichter gegen das Vergessen an. Ob Homer die Tapferkeit der Griechen vor Troja oder Shakespeare die Schönheit seiner Geliebten besingt: Das geschriebene Wort verleiht Dauer. Das visuelle Gedächtnis der bildenden Künste – der Plastik und der Malerei – macht Vergangenheit anschaubar. Auguste Rodin gibt dem gebückten Gang der „Bürger von Calais“ bedrückende Realität, Max Slevogt führt uns die Triumphgebärde des Francisco d’Andrade in seiner Paraderolle als Don Giovanni suggestiv vor Augen. Doch sicherlich ist kein visuelles Medium geeigneter, die für einen Augenblick angehaltene Bewegung zu bewahren, als die Fotografie.

Barbara Klemm ist eine der prominentesten Chronistinnen jüngster deutscher Vergangenheit. Seit den 60er Jahren beobachtet sie als Redaktionsfotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik wie der DDR. Unter dem Titel „Unsere Jahre – Bilder aus Deutschland 1968-1998“ wurden diese Arbeiten 1999 erstmals im Berliner Historischen Museum und ein Jahr später unter anderem in der Frankfurter Schirn ausgestellt.

Würde Barbara Klemm den Augenblick nur vor seiner Vergänglichkeit bewahren, wäre sie vielleicht eine gute Fotografin unter vielen. Rang und Unverwechselbarkeit ihrer Bilder, die oft in Augenblicken entstehen, liegen darin, dass sie einer von diesem unwiederholbaren Moment bestimmten Dramaturgie gehorchen. Seien es Politikerporträts in den verschiedensten Konstellationen von Macht oder eher unspektakuläre Momentaufnahmen aus deutschen Alltagen diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze: Barbara Klemms Fotografien zeigen uns intensives Leben, dessen Sinn im Augenblick zündet und über ihn hinausgreift.

Biografische Daten

1939

geboren in Münster/Westfalen

seit 1959

arbeitet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung

seit 1970

feste Redaktionsfotografin der F.A.Z., insbesondere für das Ressort Politik und das Feuilleton

1989

Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie

2000

Hessischer Kulturpreis

seit 2000

Ehrenprofessur an der Fachhochschule Darmstadt

lebt in Frankfurt/Main