Beate Gütschow

Schöne neue Welt

In der Malerei des 17. Jahrhunderts folgt das Landschaftsbild festen Grundsätzen: ein klarer Bildaufbau mit Vorder-, Mittel- und Hintergrund, bei dem jeder Ebene eine Funktion zukommt, und alle Elemente des Bildes richten sich nach einem Deutungsschema. Landschaftsbilder dieser Epoche zeigten die idealisierte Natur und konditionierten die Sehgewohnheiten der Betrachter. Beate Gütschow hat diesen festgelegten Bildkanon aus der Malerei in die Fotografie übertragen. Sie hat analoge Fotografien digitalisiert, Details ausgeschnitten und zu neuen Landschaften zusammengefügt, die den Regeln der Studiomalerei von Barock bis zum 18. Jahrhundert folgen. „Wenn man zwei bis drei dieser Regeln einhält, wirken die Fotografien wie Gemälde, denn unsere Wahrnehmung ist so geschult“, erklärt sie.

Unsere Wahrnehmung hinterfragt Beate Gütschow auch in ihren urbanen Ansichten, aus denen sie die Natur verdrängt hat. Sie löst sich von festen Bildschemata und schafft ihre eigene Realität: Ihre großformatigen Stadtbilder in Schwarz-Weiß zeigen monumentale und karge Bauten in trostloser Umgebung – hermetische Zementblöcke im Nirgendwo. Den Betrachter beschleicht das Gefühl, Zeuge vergangenen Unheils zu werden: Hier ist fast jedes Lebenszeichen ausgelöscht. Die Nutzbarkeit der Gebäude bleibt genauso unklar wie die zeitliche und räumliche Zuordnung der Motive. Einzelne Elemente sind vertraut, ergeben aber kein Gesamtbild, das sich einordnen lässt. Menschen sind auf den Fotografien bestenfalls Randerscheinungen. Sie blicken wie der Betrachter in den Bildraum und teilen mit ihm die Orientierungslosigkeit.

Durch Brüche in den Perspektiven und die undifferenzierte Lichtstimmung des immergrauen Himmels wirken die Stadtansichten irreal. Einige der Gebäude widersprechen architektonischen Grundregeln und entbehren scheinbar jeder Funktionalität – es fehlen Zugänge, Fensteröffnungen, Treppen. Beate Gütschow konstruiert ihre urbanen Utopien Stück für Stück aus bis zu hundert einzelnen Fotos, die sie aus Reisen in der ganzen Welt zusammengetragen hat. Das Prinzip sei „die Durchmischung aller Orte, das Unspezifische“, sagt sie. Sie entfernt alle Anhaltspunkte und Elemente mit Wiedererkennungswert: „Man kann meine Bilder nicht Orten zuordnen. Die Frage nach dem Wo bleibt unbeantwortet.“ Genauso wie die Frage nach dem „Was ist hier passiert?“. Der Betrachter kann nur spekulieren und muss seine Erwartung an das Medium Fotografie reflektieren: Zeigen die Bilder ein atomares Endzeitszenario? Statt einer Antwort bietet Beate Gütschow eine Stimmung: die einer trostlosen Stadtlandschaft, die Mensch und Natur überdauert.

Biografische Daten

1970

geboren in Mainz

1993–2000

Studium an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg, unter Bernhard Blume und Wolfgang Tillmans

1997

Studium an der Kunsthøgskolen, Kunstakademie Oslo, Norwegen

lebt in Berlin und Köln