Bruce Davidson

Augenblicke der Menschlichkeit

Als Bruce Davidson als Kind zum ersten Mal eine Dunkelkammer betrat, wurde das für ihn zu einem wegweisenden Ereignis: Das „Wunder“ der chemischen Bildwerdung ließ ihn nicht mehr los; schon im Alter von zehn Jahren begann er zu fotografieren. Mittlerweile umfasst seine Tätigkeit als Reportagefotograf eine Zeitspanne von mehr als einem halben Jahrhundert. Seit 1958 ist Davidson Mitglied der legendären Fotoagentur „Magnum Photos“. Eine in mehrfacher Hinsicht glückliche Zusammenarbeit, bedenkt man, dass einer ihrer Gründer, Europas Meisterfotograf Henri Cartier-Bresson, nicht nur sehr früh eine starke Inspiration für Davidsons Schaffen darstellte, sondern später auch sein Mentor wurde. Und das trotz aller Unterschiede in der Arbeitsweise: Cartier-Bresson wurde im öffentlichen Raum am liebsten „unsichtbar“ und fotografierte aus sicherer Distanz zu seinen Motiven; Davidsons Protagonisten hingegen sieht man die räumliche und emotionale Nähe des Fotografen meist an.

Eine solch hingebungsvolle Achtsamkeit findet sich auch in Davidsons Arbeitshaltung wieder: Seine Serien und fotografischen Essays sind oft Resultat einer kompromisslosen, über Monate oder sogar Jahre dauernden Recherche sowie intensiver Arbeit. So verbrachte er fast den gesamten Frühling und Sommer 1959 zusammen mit der New Yorker Jugendbande „The Jokers“, einer Gang, die überwiegend aus draufgängerischen Jungen aus Brooklyn bestand. Davidson lernte die erst 15/16-jährigen Jugendlichen rasch kennen und schätzen. Aus der gegenseitigen Sympathie entstand eine Serie, in der die Empathie, mit denen er den Kids begegnete, ebenso sichtbar wird wie deren coole Posen, ausgelassenes Herumalbern und zuweilen tieftraurige Einsamkeit. Bilder voller Lebensfreude und Sensibilität, die zugleich auf das große Drama des Erwachsenwerdens verweisen: In der Zeit des unbändigsten Tatendrangs und der größten Lebenslust lauert oft die Gefahr eines bedauerlichen Fehltritts.

Dabei war Davidsons Weg als Reportagefotograf nicht von Anfang an vorhersehbar: Nach einer kurzen Zeit als Set-Fotograf in Hollywood, in der er unter anderem die Dreharbeiten von John Hustons „The Misfits“ begleitete und Marilyn Monroe auf dem Höhepunkt ihres Weltruhms porträtierte, versuchte er sich auch als Modefotograf. Allerdings merkte er schnell, dass er in dem Glamour-Genre mit seiner Neugier auf eigenwillige Charaktere und spannende Orte keine langfristige Heimat finden würde. Von 1961 bis 1965 dokumentierte er die teils erbittert geführten Auseinandersetzungen rund um die US-Bürgerrechtsbewegung, in der ihm Ungerechtigkeit und Gewalt in einem nie zuvor gekannten Maß begegneten. Er erlebte diese Jahre zugleich als Zeit der Selbstfindung und der endgültigen Ausrichtung seiner Arbeit als Fotograf. Von seiner Begeisterung für den Zirkus und seine Menschen bis zu seinen Serien über das sich verändernde Harlem der 1990er Jahre entstanden so Fotografien, die das Bildgedächtnis unserer Kultur bereichert haben.

Biografische Daten

1933

geboren in Oak Park, Illinois, USA

1951 – 1954

studiert am Rochester Institute of Technology, Rochester, New York und an der Yale University, New Haven, Connecticut

1957

beinngt für das Life magazine zu arbeiten

1958

wird Mitglied bei Magnum Photos

1960

veröffentlicht sein erstes Fotobuch Brooklyn Gang

1961

ausgezeichnet mit dem Guggenheim Fellowship

1963

erste Einzelausstellung im Museum of Modern Art, New York

1982

Einzelausstellung am International Center of Photography, New York

2004

wird mit dem Lucie Award for Outstanding Achievement in Documentary Photography
der Lucie Foundation, Los Angeles, California geehrt

2007

erhält die Goldmedaille für sein Lebenswerk des National Arts Club, New York

lebt und arbeitet in New York, USA