Diane Arbus

Im Auge des Betrachters

Die Fotografie hat bereits früh die Fähigkeit entwickelt, sich insbesondere auch jenen zu widmen, die im toten Winkel der Wahrnehmung der meisten Menschen liegen. Kaum eine Stadt bietet dafür so viel Gelegenheit wie der dynamische Moloch New York City. Zu den ganz frühen Beispielen einer Schilderung der „Freaks“ dort gehören die Arbeiten von Jacob August Riis. Der gebürtige Däne zog ab den späten 1870er Jahren im Auftrag unterschiedlicher New Yorker Zeitungen durch die Slums und Spelunken der Metropole und fotografierte die Ärmsten der Armen, Tagediebe, Vagabunden und Dirnen, jedoch immer mit dem größten Einfühlungsvermögen und dem Wunsch, ihre Situation sichtbar zu machen. Wenige Jahrzehnte später war es der charismatische Fotoreporter Arthur Fellig, genannt „Weegee“, der die bunte Straßengesellschaft des „Big Apple“ porträtierte – drastischer, doch mit der gleichen tiefen Sympathie für die Randfiguren der Gesellschaft.

Auch Diane Arbus widmete sich in ihrem fotografischen Werk vor allem dem Außenseitertum und führte somit der amerikanischen Gesellschaft vor, was diese so gern verdrängte. Sie schafft dabei – einer Bildhauerin gleich – aus dem „Rohmaterial Mensch“ grandiose Kunstbilder, die die Abgebildeten unabhängig von Status und Milieu überhöhen, sodass äußerst eindrückliche Porträts entstehen. Mit größter Intensität vermittelt sie die in deren Physiognomie eingezeichnete persönliche Geschichte in einer Unmittelbarkeit, die in der Fotografiegeschichte nahezu einmalig ist. Arbus’ Werke bannen den Betrachter, jedoch ohne ein Gefühl der Identifikation herbeizuführen, eher eins der Abgrenzung.

Der stets direkte Blick in die Kamera ist Zeugnis der Kontaktaufnahme mit ihren Protagonisten und verweist auf einen mehr oder weniger bewussten Akt der Selbstdarstellung. Freudig stolz, wie bei dem Zirkusmädchen mit Herzhose, eher verunsichert, wie bei den beiden Mädchen in den gleichen Trenchcoats, oder nachdenklich wie im Fall der Kritikerin Susan Sontag. Letztere setzte sich in ihrem berühmten Essay „Über Fotografie“ zwölf Jahre nach diesem Porträt von Diane Arbus und sechs Jahre nach dem frühen Tod der Fotografin intensiv mit deren Bildsprache auseinander.

Diane Arbus hatte Fotografie bei Berenice Abbott studiert, von größter Bedeutung für ihren Werdegang wurden aber vor allem die später folgenden Workshops der amerikanischen Fotografin Lisette Model. Zahlreiche ihrer Porträts und Fotoessays fanden ab Beginn der 1960er Jahre durch Veröffentlichung in großen Magazinen wie Esquire und Harper’s Bazaar ein großes Publikum. Das Museum of Modern Art in New York zeigte ihre Arbeiten erstmals 1967 und würdigte ihr fotografisches Werk ein Jahr nach ihrem Tod mit einer umfangreichen Retrospektive.

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Biografische Daten

1924

geboren als Diane Nemerov in New York, USA

1956-58

studierte Fotografie mit Lisette Model, beginnt freiberuflich für Esquire, Harper’s Bazaar und The Sunday Times Magazine zu arbeiten

1960er

Jahre Lehraufträge an der Parsons School of Design und the Cooper Union, New York sowie an der Rhode Island School of Design, Providence

1963/66

John Simon Guggenheim Stipendiatin

1967

nimmt an der “New Documents” Ausstellung, kuratiert von John Szarkowski im Museum of Modern Art, New York teil

1971

nimmt sich selbst das Leben, in ihrem Haus der Westbeth Artists Community, New York

1972

“Diane Arbus Portfolio: 10 Photos” wird posthum auf der Venedig Biennale gezeigt