Ernst Haas

Leben in Farbe

Die Brüder Lumière hatten Anfang des 20. Jahrhunderts die lichtfilternden Eigenschaften der Kartoffelstärke entdeckt. Darauf beruht das von ihnen entwickelte Autochrome-Verfahren, mit dem es dank einer leicht handhabbaren Technik gelang, fotografische Bilder mit natürlichen Farben auf beschichteten Glasplatten herzustellen. Die Urform der Farbfotografie war geboren. Sie entwickelte sich rasant weiter und fand schließlich in der aufkeimenden Konsumkultur nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa und den USA massenhafte Verbreitung, denn die farbenfrohen Bilder waren ideal geeignet, um die eingängigen und verlockenden Werbebotschaften zu transportieren.

Das farbige Schaffen des österreichischen Fotografen Ernst Haas setzt rund 50 Jahre nach den ersten Experimenten der Lumières ein. Sein Werk fällt damit in eine Phase, in der die Farbfotografie gerade den Kampf um Anerkennung als eigenständige Kunstform jenseits des kommerziellen Bereichs aufgenommen hatte. Für Haas, der bis zu diesem Zeitpunkt nur in Schwarz-Weiß gearbeitet hatte, markiert die Hinwendung zu dieser Technik zugleich einen fundamental neuen Lebensabschnitt: Er verlässt seine Heimat Wien, um sich in den USA eine Karriere als Fotograf aufzubauen. Bei seiner Ankunft in New York 1952 findet er eine vor Verheißungen flirrende Atmosphäre vor: Verglichen mit den europäischen Standards erschienen soziale Grenzen viel flexibler, die Möglichkeiten zu Konsum reichhaltig und mondän, Lebenswege aufregend individuell. Diese optimistische Grundstimmung und die medienaffine Lebensart in freien, persönlichen Aufnahmen einzufangen wurde für Haas zum künstlerischen Grundthema.

Sein Kameraauge suchte den Zugang zu dieser neuen Welt über das Erfassen von szenischen, fast filmischen Momenten. Bewegung, Textur und Oberfläche werden für Haas zu Ausdrucksmitteln einer gefühlvollen, von einer sentimentalen Energie getragenen Stimmung: Seine Motive tauchen aus tiefen Schatten auf, in Wasser ein oder werden sanft umhüllt vom sphärischen Dunst des Großstadtsommers. Der ästhetische Kosmos der Werbeindustrie, für die Haas fotografierte, hallt in seinem künstlerischen Werk nach. Man findet Poster, zerrissen und verblichen, Leuchtreklamen wirken wie Fremdkörper, riesig und deplatziert. Gleichzeitig prägen dramatische Hell-Dunkel-Kontraste die Stimmung in seinen Bildern, eine ausgefeilte Lichtregie schenkt den Aufnahmen ihre malerische Qualität.

Gefühl und Ästhetik verbinden sich in Haas‘ künstlerischen Farbfotografien zu einem für die Geschichte dieses Mediums zuvor unbekannten, komplexen Stil. Sein wegweisendes Schaffen wurde 1962 sogar mit einer großen Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art gekrönt. Auch wenn der Name Ernst Haas in den folgenden Jahrzehnten fast ein wenig in Vergessenheit geriet, haben seine Werke bei heutiger Betrachtung nichts von ihrer außergewöhnlichen Vielschichtigkeit, Anmut und Ausdruckskraft verloren.

Biografische Daten

1921

geboren in Wien

1949

Robert Capa lud ihn ein, Mitglied von Magnum Photos zu werden

1951

Emigration von Österreich in die USA, wo er beginnt mit Farbfotografie zu experimentieren

1953

Das LIFE Magazin veröffentlicht seinen wichtigen 24-seitigen Fotoessay über New York City

1954

Erhält den Leavitt Award der American Society of Magazine Photographers

1962

Erste Retrospektive im Museum of Modern Art, New York

1971

Es erscheint sein erstes Fotobuch, The Creation

1972

Erhält den Kulturpreis der DGPh (Deutsche Gesellschaft für Photographie, Köln)

1986

Erhält den Hasselblad Foundation International Award in Photography

1986

stirbt in New York