Erwin Wurm

Skurrile Fluchten

Die primitive Gesellschaft hatte ihre Masken, die bürgerliche ihre Spiegel. Wir haben unsere Bilder. (Jean Baudrillard)

Eigentlich habe er Maler werden wollen. Aber die Professoren an der Kunstakademie hätten ihn in die Bildhauerklasse gesteckt. Weil er angeblich begabter gewesen wäre, die Welt dreidimensional zu erfassen. Zunächst habe er sich mit den Koordinaten der Skulptur auseinandergesetzt: Dimensionalität, Masse, Volumen, Oberfläche. Und traditionelle Themen bearbeitet: Reiterstandbilder, Gehende, Stehende, Badende. Erwin Wurm ist ein disziplinierter Mensch.

Schon bald verlagerte sich sein Interesse: von der Statik der Objekte zu Handlungsformen der Skulptur und zum Prozess ihres Entstehens. In der Renaissance sagte man, eine Skulptur müsse tausend Jahre überdauern. Der Kurzlebigkeit unserer Zeit begegnete er mit kurzlebigen Arbeiten. Besucher seiner Ausstellungen forderte er auf, sich in „One Minute Sculptures“ zu verwandeln. Die Szenen habe er fotografiert und den Darstellern das signierte Foto später gegen Honorar zugeschickt. Als zusätzliche Utensilien benutzte er Bleistifte, Eimer, Orangen, Gurken oder Bälle. Keine teuren Materialien, sondern Alltagsgegenstände. Erwin Wurm ist ein pragmatischer Mensch.

Zwischen den nackten Zehen eines Frauenfußes klemmen eingemachte Gurken, in den Nasenlöchern eines Geschäftsmanns stecken Spargelstangen, aus einem Fenster ragen zwei Beine hervor, eine Frau liegt bäuchlings auf dem Bürgersteig, den Kopf in einer Schüssel: der Lächerlichkeit wolle er dadurch niemanden preisgeben, eher die Rationalität außer Kraft setzen, Freiräume schaffen – kleine, skurrile Fluchten aus einer zweckorientierten Welt. Selbst Firmenchefs hätten sich in exzentrischen Posen von ihm porträtieren lassen. Erwin Wurm ist kein Humorist.

Biografische Daten

1954

geboren in Bruck/Mur, Österreich

1979-82

Studierte an der Akademie der bildenden Künste, Wien

lebt in Vienna