Florian Albrecht-Schoeck

Die Relevanz des Ortes

Florian Albrecht-Schoeck befasst sich mit der menschlichen Existenz, die er sowohl zeitlich als auch räumlich als ein universelles Thema begreift. Auf seinen fotografischen Streifzügen konzentriert sich der Künstler auf urbane Gebiete, um die Bedeutung bestimmter Orte zu erforschen. Architekturen und Landschaften, in denen sich verschiedene Lebensformen, Ideologien und Historie der Orte manifestieren, stehen dabei im Zentrum seines künstlerischen Interesses. In der Präsentation seiner Werkgruppen spielt die geografische Zuordnung der fotografierten Orte keine Rolle, denn der Künstler erschafft ein globales Kaleidoskop, das sich mit dem System hinter allem Dasein beschäftigt.

Zur Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz gehört auch die Erkenntnis, dass viele Dinge schon einmal dagewesen sind und in verschiedenen Epochen wiederkehren. Vor diesem Hintergrund kann auch die zwölfteilige Arbeit „Kurzgeschichte“ von 2011 gelesen werden, die Ausschnitte der Menschheitsgeschichte am Beispiel des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte in Marburg erfahrbar macht. Albrecht-Schoeck hat das Museum vom Dachboden über das Depot, das Rahmenlager und die Ausstellungsräume bis hin zum Tischtenniskeller durchstöbert. Entstanden ist das fotografische Porträt eines Ortes, der bedeutungsvoll ist, weil hier archiviert wird, welche Ideen, Hoffnungen und Ängste die Gesellschaft einer Epoche bewegen, welche Spuren der Vergangenheit bleiben und wie diese von neuen überschrieben werden.

Auch mit der Werkgruppe zum Thema Heimat geht der Künstler über das Festhalten des Sichtbaren hinaus und überprüft die Relevanz bestimmter Topographien und ihrer Funktionen. Auf unzähligen Reisen setzte er sich mit der Frage nach Identifikation und Zugehörigkeit auseinander. Zunächst fotografierte er in Deutschland, später erweiterte er das Projekt um Erkundungsreisen durch Polen sowie weitere europäische und außereuropäische Länder. Die dort mit einer analogen Mittelformatkamera entstandenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen entwickelte er selbst, häufig gleich vor Ort. Ausgewogene und konzentrierte Bildkompositionen mit zeitloser Wirkung werden hier mit einem dokumentarischen Anspruch vereint. Darüber hinaus faszinieren Albrecht-Schoecks Bilder durch die Symbolkraft vieler Motive sowie den humorvollen Blick des intuitiv agierenden Fotografen.

In einer anderen Serie widmet sich Florian Albrecht-Schoeck der Frage, inwiefern Menschen „Humankapital“ sind. Ausgangspunkt hierfür war ein Karton mit Feldpost, den er auf einem Flohmarkt erworben hatte. Darin befanden sich Briefe eines deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, der täglich von der russischen Front an seine Mutter schrieb und von seinem Schicksal berichtete, bis er gefallen war. Mit seinen dadurch inspirierten Fotografien zieht Albrecht-Schoeck auf abstrakter Ebene eine Parallele zur heutigen Zeit, indem er hinterfragt, ob und wie man sich als Individuum einem System unterordnen muss und wie mit dem heutigen ökonomischen Druck in globalen Dimensionen umzugehen ist. Aus politischen Fragen dieser Art entwickelt Albrecht-Schoeck seine künstlerische Arbeit, bei der es ihm gelingt, alltägliche Szenen in die Ästhetik von Bildern zu übertragen und gleichzeitig ihre Betrachter für gesellschaftliche Prozesse zu sensibilisieren.

Biografische Daten

1980

geboren in Darmstadt

2006 – 2014

Studium an der HfG Offenbach bei Martin Liebscher und Marc Ries, Diplome in Fotografie und Mediensoziologie

2011

Deutsche Börse HfG Fotoförderpreis und Förderpreis des Frankfurter Vereins für Künstlerhilfe e.V.

lebt und arbeitet in Offenbach