Heiner Schilling

Im Reich der Formen

Die großen Städte ähneln sich überall auf der Welt. Auf den ersten Blick sehen wir nur die Oberfläche. Darunter ist die Unterwelt. Heiner Schilling interessiert sich für beides: Oberfläche und Unterwelt, und ihn faszinieren Metropolen. Fotografiert hat er in Barcelona, Mailand, Moskau; am künstlerisch inspirierendsten findet er die „Megacities“ in Fernost. Zum Beispiel Tokio.

Tokio, das sind 10 Millionen Einwohner im Kern und 30 Millionen an der Peripherie. Als die Stadt sich nicht mehr horizontal ausdehnen konnte, begann sie vertikal zu wachsen. Die Hochhäuser der 60er und 70er Jahre haben schon einer neuen Generation von Gebäuden Platz gemacht. Großzügige Bauvorschriften beflügeln die Fantasie, frei und ungezwungen prägen heute vor allem jüngere Architekten das Gesicht der Stadt: Ihre kühnen Konstruktionen aus Stein, Aluminium und Glas setzen sie auch auf kleinste Grundstücke.

Heiner Schilling besuchte Tokio gemeinsam mit anderen Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie im Jahr 1997; hier liegt der Keim seiner Affinität zu Japan. In Tokio hat er damals viel fotografiert; ein Jahr später kehrte er zurück, um die Arbeiten dort auszustellen.

Heiner Schilling macht seine großformatigen Aufnahmen ausschließlich mit einer Plattenkamera. Die Bilder haben plakativen Charakter, dennoch schwelgen sie selten in bloßer urbaner Opulenz. Denn Heiner Schilling sieht in Tokio nicht nur eine Stadt des architektonischen Formenreichtums, sondern auch eine Welt der Gegensätze. Tradition und Modernität, Shinto-Schrein und Skyscraper, Zen und Karaoke prallen in Japan allerdings nicht unversöhnlich aufeinander, sie existieren nebeneinander. Schillings Fotografien zeigen stets eine lebendige Stadt, in der Entwicklungslinien von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft führen. Das Baustellenmotiv wird dabei zur „Operation am offenen Herzen“, der Kran zum sichtbaren Zeichen des permanenten Wachstums.

Biografische Daten

1969

geboren in Köln

1991–92

Studium an der Ecole Nationale de la Photographie, Arles

1993–98

Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf unter Bernd Becher

1998–99

DAAD-scholarship in Tokyo

lebt und arbeitet in Köln