Heinrich Riebesehl

Lakonische Landschaften

In den 1960er und 1970er Jahren richteten berühmte amerikanische Dokumentarfotografen wie Robert Adams, William Eggleston, Stephen Shore oder Walker Evans ihre Kamera zunehmend auf Bildmotive, die auf den ersten Blick unbedeutend oder wenig spektakulär wirken. Zur gleichen Zeit entdeckte in Deutschland Heinrich Riebesehl vergleichbare Szenen des Alltags und fotografierte diese mit einem ähnlichen konzeptuell angelegten Ansatz in Schwarz-Weiß. Er erlangte dafür Anerkennung als einer der ersten deutschen Vertreter dieser Art der Fotografie in den späten 1970er Jahren.

Bevor Heinrich Riebesehl zu seinem objektiven, dokumentarischen Stil fand, waren Mitte der 1970er Jahre mit der Serie „Situationen und Objekte" zunächst Bilder entstanden, in denen er der Realität eine Portion Ironie und Magie beimischte. So wie bei der Aufnahme von 1976, auf der die Begegnung eines Mähdreschers zwischen zwei Bäumen unter einer sehr weißen Wolke an eine Performance mit surrealem Charakter erinnert. Der Versuch liegt nahe, die Bildelemente symbolisch zu deuten. Doch einer solchen Lesart verweigern sich Riebesehls Fotoserien.

Die Serie „Agrarlandschaften" ist eine Bestandsaufnahme von Äckern, Feldern und Wiesen, Erntegerätschaften und Viehzucht in der kargen norddeutschen Tiefebene. Diese Bildthemen mögen sich durchaus für romantisierende Inszenierungen eignen, doch Heinrich Riebesehl zog es vor, die Landschaft, die zugleich seine Heimat war, in einer sehr nüchtern-distanzierten, zuweilen lakonischen Bildsprache festzuhalten. Hierzu tragen auch die weitwinkligen Bildausschnitte, die konstante Aufnahmeperspektive aus Augenhöhe sowie die konsequente Vermeidung stürzender Linien bei. Tatsächlich führte Riebesehl auf seinen ausdauernden Streifzügen eine Wasserwaage mit sich, um die Landschaft vor der Linse entsprechend auszutarieren. Durch die vollkommene Ausgewogenheit der einzelnen Bildelemente strahlen seine Fotografien eine Ruhe aus, die sich über Zeit und Raum hinwegsetzt.

Später erweiterte Riebesehl seinen Motivkreis um Architekturen von Gewerbebauten, die er in den gleichen norddeutschen Gegenden vorfand. Auch hier befasste er sich systematisch mit Spuren der modernen Zivilisation in der Landschaft. Er fotografierte Schuppen, Lagerhäuser oder Fischereihallen, allesamt menschenleer. Wie Skulpturen heben sich die Gebäude von der sehr flachen Landschaft ab. Seinen fokussierten Blick und eine gewisse Strenge in der Bildkomposition behielt Riebesehl auch hier bei. Nach eigener Aussage war es sein Ziel, „Bilder über die Dinge und nicht mit den Dingen zu machen". Durch das fotografische Auge von Heinrich Riebesehl werden diese Dinge zu bildwürdigen Inhalten und überdies zu eindrucksvollen Zeitdokumenten.

Biografische Daten

1938

geboren in Lathen an der Ems

1963–1965

Studium an der Folkwangschule für Gestaltung, Essen bei Otto Steinert

1972

Mitgründer der “Spectrum” Photogalerie des Sprengel Museums, die er bis 1992 geleitet hat

2010

verstorben in Hannover