Helga Paris

Häuser und Gesichter

„Ich nehme Halle“ – das war die spontane Reaktion von Helga Paris, als der Fotograf Arno Fischer bei einem Treffen mit Kollegen und Künstlern in Ostberlin Anfang der 1980er Jahre den Gedanken äußerte, die DDR sollte einmal so systematisch fotografiert werden, wie es Fotografen in den USA der 1930er und 40er Jahre im Regierungsauftrag für die Farm Security Administration getan hatten. Helga Paris stellte sich der Herausforderung und begann, Halle auf eigene Faust zu dokumentieren. Zuvor hatte die fotografische Autodidaktin bereits mehrere Reportagen zu Themen des städtischen und nachbarschaftlichen Lebens im Selbstauftrag umgesetzt.

Zwischen 1983 und 1985 fuhr sie viele Male von Ostberlin nach Halle. Ihre Tochter lebte damals dort, sodass sich auch ein persönlicher Bezug zu der Stadt entwickelt hatte. Helga Paris war fasziniert von der bedrohten einstigen Schönheit der Bausubstanz und sah es als wichtige Aufgabe, diese in Bildern zu bewahren, bevor sie gänzlich verschwinden würde. Sie nahm sich vor, Halle zu fotografieren, als sei es eine „fremde Stadt in einem fremden Land“. Dabei vertraute sie auf den Blick der Entdeckenden, der durch eine neue Umgebung Inspiration und emotionale Erregung erfährt.

Zunächst fing sie Momentaufnahmen des städtischen Lebens ein, fokussierte auf Straßenzüge und Passanten. Die Reaktionen der Einwohner, die sich dadurch in ihrem „Alltagselend“ ertappt glaubten, fielen dabei nicht immer wohlwollend aus. Dies gab ihr den Anstoß, ihre Herangehensweise zu überdenken und schließlich das Projekt in Porträts von Häusern und Porträts von Menschen zu unterteilen. Helga Paris begrenzte den Moment zwischen der Kontaktaufnahme und dem Drücken des Auslösers bewusst, um die Blicke der Menschen so offen wie möglich zu halten. Die Porträtierten scheinen daher noch in jener Sekunde zu verharren, in der sie kurz für die Fotografin innehalten, sich mental aber noch nicht auf die Aufnahmesituation eingelassen haben.

Zu dieser Zeit wurde in Halle vor allem in den Bau moderner Wohnungen investiert, im alten Innenstadtkern bot sich jedoch ein desolates Bild: Die Fassaden – auch die denkmalgeschützter Gebäude – bröckelten, Dächer waren halb abgedeckt, Straßen und Plätze marode. All das zeigen die Aufnahmen von Helga Paris in kontrastreichem Schwarzweiß, obgleich es nicht ihr Ziel war, diese Zustände anzuprangern. Die SED-Parteiführung befand dennoch, dass die Fotografien von Helga Paris ein zu negatives Stadtbild vermittelten. Und so wurde ihr die Eröffnung ihrer Ausstellung „Häuser und Gesichter“ im letzten Moment untersagt. Erst 1990, nach der Wiedervereinigung, durfte sie in Halle gezeigt werden.

Biografische Daten

1938

geboren in Gollnow, Pommern

1956 – 1960

Studium der Modegestaltung an der Fachschule für Bekleidung, Berlin
Dozentin für Kostümkunde; Gebrauchsgrafikerin und Fotolaborantin

seit 1967

Beschäftigung mit Fotografie als Autodidaktin

1972 – 1990

Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR

seit 1996

Mitglied der Akademie der Künste, Berlin

2004

Preisträgerin des Hannah-Höch-Preises

lebt und arbeitet in Berlin