Jitka Hanzlová

Heimat

„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“, singt Herbert Grönemeyer, der wie kein anderer deutscher Künstler seine Verbundenheit mit seiner Herkunftsregion, dem Ruhrgebiet zum Ausdruck gebracht hat. Dieser riesige Ballungsraum, entstanden aus einem Konglomerat von Industriestädten, wurde 1982 sehr plötzlich zum neuen Zuhause für die junge Tschechin Jitka Hanzlová. Von einem Tag auf den anderen fand sie sich an einem Ort wieder, an dem ihr alles fremd war: die Sprache, die Menschen und die Landschaft. Wie Heimat fühlte sich das erst einmal nicht an.

„Fremdheit fordert heraus. Sie hält wach und schärft den Blick“, weiß Jitka Hanzlová. Mit der Kamera erkundete sie ihr neues Umfeld und widmete ihm später die Serie „hier“. Darin zeigt sie vor allem eine vom Menschen nach seinen Bedürfnissen und Plänen gestaltete Landschaft, in der der Natur nur noch ein kleines Plätzchen zugestanden wird. Verbaut, in Zwischenräume gedrängt und eingesperrt scheinen Bäume und Sträucher dennoch tapfer zu sagen: „Hier bin ich!“ Mal mehr, mal weniger legen Hanzlovás Arbeiten die Skurrilität einer Ordnung bloß, die in einem starken Kontrast zur unberührten Natur der tschechischen Wälder ihrer Kindheit steht.

Klar und aufgeräumt erscheinen ihre Fotografien, doch je länger man die Bilder betrachtet, desto mehr entfalten sie ihre Komplexität – und spiegeln so auch die des Lebens wider. „Das Gefühl des Ortes ist sehr wichtig für meine Arbeit“, erklärt die Künstlerin, „und vor allem das Licht“. Sie setzt es virtuos ein, jedoch ohne Dramatik. Jitka Hanzlová entlockt dem Ruhrgebiet eine sinnliche, fast poetische Seite, doch ein Idyll täuscht sie nicht vor. Sichtbar machen, was selbstverständlich scheint, aber nicht selbstverständlich ist, das ist ihr wichtig. Über viele Jahre ist „hier“ entstanden, mit langen Pausen, in denen sie an anderen Serien gearbeitet hat. In „female“ widmet sie sich Porträts junger Frauen, für „forest“ ist sie in die heimatlichen Wälder zurückgekehrt. Immer berühren ihre Bilder mit ihrer seltenen Verbindung von Sachlichkeit und Einfühlsamkeit auch die Seele der Betrachter.

Durch die Fotografie, so sagt sie, habe sie eine unerwartete Nähe zum Ruhrgebiet gefunden, obwohl sie sich immer noch frage, ob dies der richtige Ort für sie sei. Geblieben ist nicht nur die Sehnsucht nach der Stille der tschechischen Wälder. Geblieben ist auch nach 28 Jahren etwas von der anfänglichen Fremdheit in der neuen Heimat. Das eigentümliche Verhältnis von Nähe und Distanz, das ihre Arbeiten prägt, erzählt uns davon.

Biografische Daten

1958

Geboren in Náchod, Tschechoslowakei

1978-1982

Angestellte an der staatlichen Fernsehakademie in Prag, Tschechoslowakei

1982

Auswanderung aus der Tschechoslowakei nach Deutschland

1987-1994

Studium der Fotografie und Kommunikationstechnik an der Folkwang Universität der Künste, Essen

1993

ausgezeichnet mit dem Otto Steinert Preis

1995

Stipendium der DG Bank Frankfurt

2003

Erhalt des Grand Prix Preises – Projektstipendium 2003, Arles

lebt und arbeitet in Essen