Jörg Sasse

Die Behauptung einer Fotografie

„Ich würde nie eine Arbeit veröffentlichen, vor der ich nicht selber stehen könnte und staunen.“ Nichts ist Jörg Sasse verdächtiger als eindeutige Antworten. Dazu ist ihm die Wirklichkeit ein viel zu komplexes und rätselhaftes Gebilde. Definitive Wahrheiten existieren für ihn nicht. Und wenn es sie gibt, dann misstraut er ihnen. Überhaupt ist Jörg Sasse eher ein Mensch der Fragen als der Antworten.

„Hat klassische Fotografie jemals das abgebildet, was vor der Kamera war?“ lautet eine der Fragen, die Sasse in seinen Arbeiten reflektiert. Alle hier versammelten Werke artikulieren Zweifel am dokumentarischen Charakter der Fotografie.

Streng genommen sind diese Werke gar keine Fotografien, denn sie entstehen am Computer. Allerdings dienen Fotos als Rohmaterial. Sasse findet sie in Familienalben, auf Flohmärkten oder im Sperrmüll. Finden sei übrigens viel origineller als Erfinden, sagt Jörg Sasse. Aufnahmen, die ihn interessieren, digitalisiert er. Dann folgt ein minutiöser Bearbeitungsprozess, durch den sich das Foto immer weiter von seinem Ursprungsmedium entfernt. Sasse bestimmt Farben und Ausschnitt, nimmt Einfluss auf Perspektive, tilgt einzelne Bildinhalte oder fügt neue hinzu. Was am Ende dabei herauskommt, ist ein von allen stofflichen Zufälligkeiten gereinigtes Kunstprodukt: die Illusion von Wirklichkeit, die „Behauptung einer Fotografie“ – ein Bild.

Das Spiel mit Wirklichkeitsebenen und Wahrnehmungsgewohnheiten möchte das Rätselhafte visualisieren. Und vertraut dabei gleichzeitig auf die Mitwirkung des Verstandes, der die Illusion durchschaut. Aber für Jörg Sasse ist das kein Widerspruch: „Sehen und Denken, Denken und Sehen: Kann man das trennen?“

Biografische Daten

1962

geboren in Bad Salzuflen

1982–87

Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf unter Bernd Becher

lebt und arbeitet in Berlin und Düsseldorf