John Davies

Den Wandel entschleunigen

Ende des 18. Jahrhunderts wuchs in England die Bevölkerung explosionsartig. Mit der traditionellen Dreifelderwirtschaft konnte der Bedarf an Nahrungsmitteln nicht mehr gedeckt werden – neue Maschinen und Produktionstechniken wurden entwickelt. Durch ihren Einsatz vollzog sich in England als erstem Land in Europa der Wandel von einer Agrar- in eine Industriegesellschaft. Das veränderte auch die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen: Fabriken und Industrieanlagen wurden errichtet, durch den Zuzug von Arbeitskräften entstanden Ballungszentren und Arbeiterviertel. Bis heute beeinflussen Änderungen der Arbeits- und Produktionsbedingungen das soziale Gefüge – und das Erscheinungsbild von Stadt und Land.

John Davies faszinieren diese industriellen und postindustriellen Landschaften. In seinen Aufnahmen erforscht er den Wandel ruraler und urbaner Gebiete durch den Niedergang der Industrie: „Ich mag die Geschichte von Orten und die Spuren von menschlicher Besiedlung. Mich faszinieren die verschiedenen Schichten in der Landschaft.“ Mit seiner Kamera tastet John Davies das Terrain förmlich ab und legt diese Schichten offen. „British Landscapes“ nennt er die Serie mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die zwischen 1979 und 2005 entstanden. Seine Landschaftsaufnahmen sind aufgeladen mit Informationen zur Gesellschaftsgeschichte Großbritanniens seit der ersten industriellen Revolution; es sind fotografische Bestandsaufnahmen eines kontinuierlichen gesellschaftlichen Wandels, der sich auch im Städtebau widerspiegelt. Doch die Aufnahmen von John Davies, der in der Arbeiterstadt Liverpool lebt, unterbrechen die Dynamik des Wandels für einen Augenblick und entschleunigen den fortwährenden Veränderungsprozess.

Die „British Landscapes“ illustrieren die gegenseitige Beeinflussung von Industrie und Siedlung im Zeitverlauf sowie die daraus resultierenden Spannungen. „Mich spricht  dieses gewisse Chaos und das Aufeinanderprallen von natürlichen und von Menschenhand geschaffenen Elementen an. Die Spannung, die dadurch entsteht, interessiert mich.“ Der Mensch ist in Davies’ „British Landscapes“ omnipräsent. Welche Auswirkung hat der urbane Wandel auf das gesellschaftliche Miteinander? Mit dieser Frage beschäftigt sich John Davies, ohne sie zu beantworten: „Die meisten meiner Bilder stellen Fragen. Ich sage nicht: Das ist richtig und das ist falsch. Ich stelle Werte in Frage.“ John Davies lädt den Betrachter ein, mit ihm auf Spurensuche zu gehen: Durch eine gekonnte Komposition und beim Spiel mit dem Tageslicht, das er als atmosphärisches Stilelement einsetzt, verführt er den Betrachter dazu, nach Elementen der Vergangenheit zu suchen. Und zu spekulieren, wie die Zukunft der Landschaften aussehen könnte, deren Wandel unaufhaltsam ist.

Biografische Daten

1949

geboren in Sedgefield, County Durham, England

1974

Abschluss an der Trent Polytechnic Nottingham

1978–1981

Gastdozent am Blackpool College of Art

1985–1989

Gastdozent am West Surrey College of Art

1989–1991

Gastdozent an der Trent Polytechnic Nottingham

1993

BBC Wales Arts Award für bildende Künste

1997–1998

Gastdozent am Swansea Institute of Further Education, England

lebt und arbeitet seit 2001 in Liverpool, UK