John Stezaker

Schnitte durchs Archiv

In John Stezakers einzigartigen Fotocollagen scheint der Geist der Surrealisten überlebt zu haben. Mit der Kombination unmöglicher und doch stimmiger Bildelemente, vereint mit den Mitteln traditioneller Fotomontage, trifft er eine ähnliche Tonlage wie die europäischen Avantgardisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei verarbeitet Stezaker ausschließlich bereits existierende Fotografien anderer Bildautoren, stets angetrieben von der Idee, die in ihnen verborgenen Energien und Geheimnisse zu ergründen.

Von dem als geradezu bildfeindlich wahrgenommenen Konzeptionalismus seiner Zeit erschöpft, wendet sich Stezaker Mitte der 1970er Jahre vermehrt der intensiven Auseinandersetzung mit den populären Bildmedien zu. Er ist fasziniert von der existierenden Bildkultur der Massenmedien und sammelt und archiviert alles, was ihn visuell in den Bann zieht: Unterhaltungsmagazine, Kochbroschüren, Haustierzeitschriften, Postkarten und vor allem Fotos aus Kinoaushängen. Sein Material findet er auf Flohmärkten, in Antiquariaten und Archiven. Unter den von den Kinos verwendeten Werbematerialien finden sich Fotografien einzelner Filmszenen ebenso wie professionelle Porträts von Schauspielern. Als besessener Sammler und Kinoenthusiast besitzt John Stezaker ein riesiges privates Archiv mit Hunderten dieser alten Schauspielerporträts, das als Ausgangsmaterial für seine Arbeiten dient. Durch einen präzisen Schnitt mit dem Skalpell – oftmals mitten durch das Gesicht der Porträtierten – greift Stezaker zunächst brachial in die Fotografie ein, um sie dann auf eine andere zu montieren. Kombiniert er Porträts und Postkarten, kommt er ohne Schnitt aus, allerdings wird beides so übereinandergelegt, dass die ursprünglich abgebildete Person nicht mehr zu erkennen ist.

Durch diese aus heutiger Sicht herrlich altmodisch anmutende Arbeitsweise der manuellen Fotocollage wird etwas sichtbar gemacht, das im Computerzeitalter längst verloren geglaubt war: die Spuren der Manipulation und der visuellen Bruchstellen im fotografischen Bild. So sind Stezakers Montagen auch eine Art Schutzgeste gegen die Übermacht alltäglicher Bildbehauptungen des digitalen Illusionstheaters. Und doch führt die „Passgenauigkeit“ seiner absurden Kombinationen intuitiv zu einer neuen Lesbarkeit seiner Werke. Etwa die Fortschreibung eines Gesichts in der Landschaftsansicht der Postkarte, oder die angedeutete Auflösung der geschlechtlichen Differenz bei der Kreuzung eines männlichen und weiblichen Gesichts: Die Frage auf welchem der beiden Teile die Frau bzw. der Mann ist, beantwortet sich oft erst auf den zweiten Blick.

Biografische Daten

1949

geboren in Worcester, England

bis 1973

Studiert Fine Art an der Slade School of Art, London

2012

Erhält den Deutsche Börse Photography Prize

lebt und arbeitet in London, England.