Judith Ammann

L.A. Stories

In der Filmkomödie L.A. Story von 1991 kommuniziert eine einfühlsame Anzeigetafel an einer Stadtautobahn mit dem Helden des Films, einem krisengebeutelten Wetteransager, und gibt ihm die richtigen Hinweise zur rechten Zeit. Das komisch überzeichnete Wunder einer sich verselbstständigenden Schrift korrespondiert perfekt mit den großen weißen Lettern in den Hollywood Hills oberhalb von Los Angeles, der Heimatstadt der „Traumfabrik", die dank ihrer symbolischen Kraft längst vom einfachen Zeichenträger zum Monument geworden sind.

Tatsächlich sind die hoch aufragenden Werbetafeln und mit bunten Schrifttypen versehenen Fassaden in Los Angeles besonders auffällig: In der extrem ebenen Stadt bieten sie dem Auge gleichsam Halt und Orientierung. Es ist vielleicht diese verführerische Zeichenfülle innerhalb einer nahezu geschichtslosen Metropole wie Los Angeles, die die Künstlerin Judith Ammann zu ihrer fotografischen Bearbeitung dieses urbanen Raums verführt hat. Dabei reicht ihr intensives Verhältnis zu der kalifornischen Megacity weit zurück: Ein Stipendium brachte sie 1999 als Artist-in-Residence für sechs Monate zum ersten Mal in die Stadt. In jener Zeit eignete sie sich bei zahlreichen Ausflügen zu oft menschenleeren Randgebieten den architektonischen Raum von L.A. mit seinen baulichen Auswüchsen und sonstigen Kuriositäten an. In ihren Fotografien zeigt sie großflächig bemalte oder auch gekachelte Fassaden, artig gestutzte Buchsbäumchen und immer wieder: Buchstaben und Wortfragmente.

Ihr Fotoapparat fungiert dabei regelrecht als „Fragmentierungsmaschine": Ammann reißt einzelne Motive aus dem räumlichen Gewebe heraus, entkernt und anonymisiert diese Zeugnisse der Urbanität, ohne konkrete Verweise auf ihren ursprünglichen Sinn und Zweck. Worte wie „Liquor", „Bowl" oder „Pound Penny" schwimmen wie Treibgut durch ihre farbigen Fotografien und bilden eine Art Spurenkonvolut, das am Ende des Prozesses seinen Weg durch das feinmaschige Sieb der Bildautorin genommen hat. Die üblichen Orientierungshilfen wie Größenverhältnisse, Kontext oder topografische Verortung sucht der Betrachter vergebens. Stattdessen verschiebt Ammann den Fokus auf Form, Farbe und Struktur ihrer Motive und schenkt den Fundstücken ihrer Exkursionen ein neues ästhetisches Leben. Die Konzentration auf diese Zeugnisse moderner Zivilisation macht sie zu einer Art fotografischen Zeichenumdeuterin – eine Herangehensweise, die vielleicht das passende „Gegenmittel" für Los Angeles ist, den sicher wirkmächtigsten Produktionsort visueller Phantasmagorien.

Biografische Daten

1954

geboren im Kanton Luzern, Schweiz

1970–1976

Studium Grafik Design an der Schule für Gestaltung Luzern

1988–1997

Studium Film und Neue Medien in Frankfurt am Main und Offenbach

lebt in Frankfurt am Main