Karl-Hugo Schmölz

Fotografische Nierentische

Wenn in Roberto Rosselinis Klassiker des neorealistischen Films „Germania anno zero“ der 12 jährige Edmund Köhler durch die apokalyptische Trümmerlandschaft des zerstörten Berlins von 1948 stolpert, wird ein niederschmetterndes Bild der Nachkriegsdeutschen gezeichnet: Zu frisch sind die Wunden die die Jahre des Krieges, die erlittene Niederlage und nicht zuletzt das Hadern mit der eigenen Schuld gerissen haben.

Betrachtet man die nur wenige Jahre später entstandenen Architekturfotografien von Karl-Hugo Schmölz, so bietet sich das von Trümmern und Schutt befreite Bild eines Landes in der wirtschaftlichen Genesungsphase. Die organisch gewundenen Treppenhäuser, die formschönen Kinosäle und Opernhäuser, sowie die eleganten Verwaltungsgebäude, Ladengalerien, Autohäuser und Bürofoyers der überwiegend in Köln und Umgebung entstandenen Fotografien verweisen auf eine Gesellschaft, die ihre flächendeckenden Trümmerhaufen gegen wohlgeformten Fortschrittsoptimismus eingetauscht hat: Lichtdurchflutet und weitläufig mussten die Sparkassenfilialen, Funkhäuser, Verlagshäuser und Ämter dieser Zeit sein. Kunstvoll gestaltete Leuchtreklame findet sich an den Fassaden, sowie keck in den Raum ausgreifende Deckenleuchter und Flurlampen im Innern der Gebäude. Die fließenden, eleganten Formen, die hohen, gläsernen Fassaden und Portale, sowie die überwiegend helle Farbgebung schufen Gebäudekörper von spürbarer Leichtigkeit und Eleganz und gaben dem ökonomischen Aufschwung während der „Wirtschaftswunderjahre“ Westdeutschlands eine moderne architektonische Formensprache.

Mit dem Aufschwung kommen für Schmölz Aufträge, die eine neue, optimistischere Ästhetik fordern: Seinen Namen als hervorragender Auftragsfotograf für Industrie und Werbung machte er sich vor allem durch seine konzeptuelle Reife und technische Perfektion bei Werbefotografien, namhafte Möbelhersteller wie Interlübke und Thomé verpflichteten ihn. Und ebenso wie die edlen Möbelstücke inszenierte Schmölz für Bauherren und Architekten die neuen Gebäude der Zeit: würdevolle Inszenierungen von Verwaltung, Konsum, Unterhaltung und Fortschritt. Die Qualität seiner Architekturaufnahmen ergibt sich u. a. aus der strategischen Planung, sowie seiner meisterhaften, fast filmischen Lichtsetzung.

Und so mag man heute vielleicht mit ein wenig Wehmut auf diese Fotografien blicken, sprechen sie doch einen erneuten Verlust an.Ähnlich wie die Zeichen von Schuld und Schmach der bleiernen Trümmerhaufen bei Rosselini stehen diese Gebäude erneut für einen massiven Wandel: Viele der in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik entstandenen Bauten verschwinden nach und nach aus den Städten und werden durch neue, einen anderen Zeitgeist atmende Gebäude ersetzt. Wie fast überall fehlt auch hier den Zeitgenossen das Gespür für die Notwendigkeit, Vergangenes zu bewahren. So kommen die kunstvollen Fotografien von Karl-Hugo Schmölz einer ganz klassischen Aufgabe der Fotografie nach: sie dokumentieren was einmal war.

Biografische Daten

1917

geboren in Weissenhorn

1930s

Beginnt bei seinem Vater, Hugo Schmölz, das Fotografieren zu erlernen

1938

Nach dem Tod des Vaters führt er dessen traditionsreiches Fotostudio unter dem Namen Hugo Schmölz fort

1939

Wird Mitglied im Deutschen Werkbund und der GDL – Deutsche Gesellschaft für Fotografen

1946

Nach der Rückkehr vom Militärdienst und aus der Kriegsgefangenschaft beginnt er intensiv zu fotografieren und dokumentiert die Zerstörungen in Köln

1956

Heirat mit der Mode- und Werbefotografin Walde Huth (1923-2011), mit der er ein Studio für Möbel, Innenarchitektur und Design mit dem Namen schmölz + huth gründet

1982

Zusammen mit Rolf Sachsse veröffentlicht er die Monographie Fotografierte Architektur

1986

Stirbt in Lahnstein