Malte Sänger

Bilder vom anderen Ende der Erinnerung

Private Fotografien und Aufzeichnungen werden schon seit geraumer Zeit als physische Objekte in Alben, Diakästen, Kladden und Ordnern verwahrt. Die weitergereichten Erinnerungsstücke dienen der nächsten Generation zum familiären Gedenken. Sind keine Erben vorhanden, landen die Dokumente häufig auf dem Flohmarkt oder werden gar mit dem Sperrmüll entsorgt. In beiden Fällen werden dadurch private Momente für Außenstehende sichtbar. Eine ausgemusterte Festplatte offenbart hingegen bei ihrem bloßen Anblick keineswegs, was sich auf ihr befindet. Das Computerzeitalter hat mit der praktischen Handhabung der Displayansicht von Text und Bild das Verschwinden tradierter Bild- und Datenträger eingeläutet. Die materielle Existenz privater Erinnerung ist längst nicht mehr notwendig, auch wenn eine Computerdatei im Vergleich zu einer Schachtel mit Fotografien geradezu kalt und wenig gehaltvoll erscheint.

Mit seiner Serie „partition" setzt sich Malte Sänger mit dem Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit des auf Festplatten gespeicherten Datenmaterials auseinander. Hierzu kaufte er sich ausgemusterte und unbrauchbar gemachte Festplatten, um diese in einem aufwändigen Prozess wieder lesbar zu machen – ein Fall indiskreter Wiederbelebung von ursprünglich zur Löschung gedachten Daten. Das in den wiederhergestellten Dateien ablesbare Benutzerverhalten ließ Rückschlüsse auf die bisherigen Besitzer des jeweiligen Computers zu. Tagebucheinträge, Krankenakten, Onlinebestellungen und Urlaubsfotos neben Anwaltschreiben und immer wieder: pornografisches Bildmaterial. Sänger fügt das für ihn interessanteste Thema jedes Speichers zu einer analytischen Bestandsaufnahme zusammen. Einer Fotografie von der Festplatte stellt er den von ihm verfassten, handschriftlichen Text auf Notizpapier gegenüber. Die Blätter informieren über Herstellername und Seriennummer der Festplatte sowie über den Tag deren Wiederherstellung; im dann folgenden Text stellt Sänger – mal in Stichworten, mal detailliert beschreibend – die für ihn relevante „Essenz" jeder Festplatte heraus und gibt damit dem Datenträger jene Menschlichkeit zurück, die sich bei dessen bloßem Anblick nicht einstellen will.

In der Serie „shifting baselines" wiederum kombiniert Sänger kommentarlos Fotografien, die er weltweit an unterschiedlichen Orten aufgenommen hat. Die aus seiner Sicht geeigneten Motive fotografierte Sänger mit einer analogen Mittelformatkamera, um die so entstandenen Bilder oft erst sehr viel später zu Paaren zusamenzustellen. Die Serie macht dabei die manchmal erst mit zeitlichem Abstand erkennbare subtile Verbindung von Bildern sichtbar, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben mögen. Ähnlich wie in „partition" begibt sich Sänger damit unmerklich in die Tiefen menschlicher Erinnerung, gräbt hier aber – anders als bei „partition" – nicht im technischen „Gedächtnis" der Festplatten, sondern in seinem eigenen Bildgedächtnis, um dieses Mal seine Fotografien auf ihren Sinngehalt hin zu überprüfen.

Biografische Daten

1987

geboren in Frankfurt am Main

2009-2018

Studium Fotografie, Philosophie und Ästhetik an der HfG in Offenbach

2015

HfG Fotoförderpreis der Deutsche Börse Photography Foundation

lebt in Offenbach am Main