Mike Brodie

Der Weg ist das Ziel

Ende des 19. Jahrhunderts begannen Wanderarbeiter in Nordamerika, Güterzüge als kostenloses Transportmittel zu nutzen, um sich bei ihrer Jobsuche von einer Stadt zur anderen zu bewegen. In den folgenden Jahrzehnten und insbesondere während der wirtschaftlichen Depression der 1930er Jahre reisten Hunderttausende als Güterzug-Nomaden kreuz und quer durchs Land – der Begriff des „Hobo“ entstand. Er steht für eine Lebensform außerhalb gesellschaftlicher Konventionen, für Abenteuer und Freiheit, aber auch für Einsamkeit und Armut. Auch dank Autoren wie Jack London, John Steinbeck und Jack Kerouac sowie unzähliger Folksongs ist sie heute fest verankert in der amerikanischen Kultur.

Mit 17 Jahren reiste der 1985 geborene Mike Brodie zum ersten Mal auf einem Güterzug. Die Sehnsucht nach Freiheit, der Wunsch nach einem alternativen Lebensstil und seine grenzenlose Neugier bewegten ihn dazu, in den folgenden Jahren immer wieder monatelang als „Mitfahrer“ durch die USA zu reisen – insgesamt mehr als 80.000 Kilometer. Nach etwa einem Jahr begann er, seine Eindrücke und das Leben seiner freigeistigen Freunde mit einer Polaroid-Kamera festzuhalten. Einige Jahre später schuf Brodie daraus die umfangreiche Serie und das Buch „A Period of Juvenile Prosperity“. Der Titel mag zunächst irritieren, schließlich verbergen seine Bilder nicht, dass das Leben auf den Zügen hart ist. Doch sie erzählen zugleich so gefühlvoll und poetisch von der Magie eines rebellischen Lebensstils, dessen Selbstbestimmung tatsächlich als unschätzbarer Reichtum erscheint. Mit untrüglichem Gespür für Komposition und den Einsatz von Licht und Farbe gelingt es Brodie nicht nur, gefühlvolle Tableaus von unaufdringlicher Intimität zu schaffen. Er bringt mit den fast romantisch erscheinenden Porträts seiner „Zug-Familie“ zeitlose Ruhe in eine Welt, in der alles ständig in Bewegung ist.

In Brodies Generation ist es nicht die Notwendigkeit der Jobsuche, die junge Menschen auf die Züge treibt, sondern vor allem Abenteuerlust. Die meisten von ihnen, die Brodie traf, wurden nach ein paar Monaten oder Jahren wieder sesshaft. So auch Brodie selbst, der das Reisen und die Fotografie wieder aufgegeben hat und derzeit als Mechaniker für Diesellokomotiven in seiner eigenen Werkstatt in Oakland/Kalifornien arbeitet.

Biografische Daten

1985

geboren in Mesa, Arizona, USA

2004

beginnt mit einer Polaroid Kamera zu fotografieren während er trampt und mit dem
Zug quer durch die Vereinigten Staaten fährt, Künstlername: The Polaroid Kidd

2008

erhält den Baum Award für amerikanische Nachwuchsfotografen

2009

hört auf als Fotograf zu arbeiten und studiert am Nashville Auto Diesel College in Nashville, Tennessee

2013

publiziert sein erstes Fotobuch A Period of Juvenile Prosperity

2015

sein zweites Fotobuch Tones of Dirt and Bone erscheint

lebt und arbeitet als Automechaniker in West Oakland, Kalifornien, USA