Mikhael Subotzky und
Patrick Waterhouse
54 Stockwerke
Es ist wohl eines der bekanntesten Gebäude Südafrikas: der Ponte City Tower in Johannesburg. Der monumentale Turm ist ein zylindrischer Hohlkörper aus Beton; aus den obersten der 54 Stockwerke gewährt er einen schwindelerregenden Blick hinein in seinen gigantischen Schlund. Mit 173 Metern ist der im Stadtteil Hillbrow stehende „Leuchtturm“ nicht nur das zweithöchste Gebäude der Stadt, sondern von ganz Südafrika.
Die überwältigende, ja gar beängstigende Architektur des Turms haben die beiden Fotografen Mikhael Subotzky und Patrick Waterhouse in ihrem multimedialen Projekt „Ponte City“ eindrücklich dokumentiert. Doch ihr Interesse an dem Bauwerk ging von Anfang an über seine Formensprache hinaus und konzentrierte sich zunehmend auf die unzähligen Geschichten, die über das Gebäude kursierten. Es schien, als könne fast jede*r in Hillbrow etwas über das Geschehen im Ponte Tower erzählen. Schaut man auf die Geschichte des Gebäudes, ist das wenig verwunderlich, denn diese war von radikalen Veränderungen durchzogen. 1975 wurde Ponte City als exklusives Apartmenthaus fertiggestellt und diente mit Luxuswohnungen, Restaurants, Schwimmbad und Boutiquen als Prestigeobjekt für die Weiße Oberschicht. Mit dem politischen Umbruch des Landes Anfang der 1990er Jahre und dem damit einhergehenden Ende der Weißen Minderheitsregierung veränderte sich auch die Bewohner*innenstruktur: Die Weiße Bevölkerung verließ das Viertel und sowohl in Hillbrow als auch im Ponte Tower hielten Armut, Gewalt und Verelendung ungebremst Einzug. Zahlreiche Banden und Kriminelle fanden im Gebäude Unterschlupf, wodurch es sich in kürzester Zeit den Ruf erwarb, der gefährlichste Ort der Stadt zu sein. Im Zuge der Planungen für die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika 2010 beschloss man, den Turm grundlegend zu renovieren und mit umfassenden Sicherheitsvorkehrungen wieder zu einem attraktiven Wohnhaus zu machen. Die meisten der knapp 500 Wohnungen sind heute wieder vermietet; wegen der niedrigen Mieten sind sie vor allem für Studierende attraktiv. Wenn auch der Turm selbst saniert und sicherer wurde – die Probleme im Stadtteil Hillbrow, das ihn umgibt, haben sich nicht verändert.
In ihrem gemeinsamen Projekt „Ponte City“ dokumentieren Subotzky und Waterhouse sowohl die spannungsreiche Geschichte des Hauses als auch den Alltag seiner Bewohner*innen. Sie sammelten unzählige Dokumente wie Gebäudepläne, Zeitschriftenartikel, alte Aufnahmen und Werbezettel. Zwischen 2008 und 2014 besuchten sie den Ponte Tower viele Male, klopften an jede Tür, fotografierten aus fast jedem Fenster und sprachen mit allen, die bereit waren, über ihr Leben im Turm zu berichten. Je länger sie im und am Ponte Tower arbeiteten, desto mehr erkannten sie, wie eng seine Biografie mit der Südafrikas verwoben ist. Die Fotografien der beiden Künstler lassen nach außen und nach innen blicken, zeigen den Turm aus der Entfernung und aus der Nähe und vermitteln so das umfassende Bild eines Gebäudes, das symbolisch für die Geschichte seines Landes steht.
Biografische Daten
Mikhael Subotzky
1981
geboren in Kapstadt, Südafrika
2004
Abschluss in Bildender Kunst an der Michaelis School of Fine Art und der Universität in Kapstadt
2011
wird Mitglied bei der Agentur Magnum Photos Paris
2015
wird gemeinsam mit Patrick Waterhouse für das Projekt „Ponte City“ mit dem Deutsche Börse Photography Prize ausgezeichnet
lebt in Johannesburg, Südafrika
Patrick Waterhouse
1981
geboren in Bath, United Kingdom
2003
Abschluss am Camberwell College of Arts
2015
wird gemeinsam mit Mikhael Subotzky für das Projekt „Ponte City“ mit dem Deutsche Börse Photography Prize ausgezeichnet
lebt in Venedig, Italien