Nicholas Nixon

Zeitmesser

Die Uhr ist eine Erfindung des späten 13. Jahrhunderts, die Zeit gibt es schon viel länger. Bevor die gleichförmig tickende Unruhe des Instruments den kollektiven Takt schlug, waren andere Vorgänge zeitmessungstauglich: alles, was erscheint, auf- und untergeht, wogt und fließt – Sonne, Mond und Sterne, Blüten, Morgenröte und das Meer. Die Ordnungsfunktion, die dann von der Uhr übernommen wurde, entpuppte sich nicht selten als Diktat. Im 16. Jahrhundert rückte die protestantische Ethik die diesseitige Lebensgestaltung in den Blickpunkt, fortan galt Zeitvergeudung als Sünde. Im 19. Jahrhundert begann der Maschinentakt die Zeit und unser Leben zu bestimmen. Und in den Schulen verlernte der Mensch, was er als Kind noch konnte: die Zeit vergessen.

Nicholas Nixon ruft uns die Zeit ins Bewusstsein; sein Zeitmesser ist die Kamera. Seit 1975 fotografiert er im Intervall von einem Jahr dasselbe wiederkehrende Motiv: die vier „Brown Sisters“. Mit Bebe Brown, der ältesten der vier Schwestern, ist Nicholas Nixon verheiratet. Jedes Jahr schauen sie frontal in die Kamera, sie stehen in derselben Reihenfolge – Laurie, Heather, Bebe, Mimi (von links). Nixon arbeitet Jahr für Jahr mit derselben Ausrüstung; er benutzt immer wieder einen Schwarzweiß-Film, und obwohl er viele Filme belichtet, veröffentlicht er stets nur eine einzige Aufnahme. Variiert werden Hintergrund, Beleuchtung, Kleidung, Mimik und Gestik.

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts, aber dann, auf einmal, da spürt man nichts als sie“, lässt Hugo von Hofmannsthal eine seiner Dramenfiguren sinnieren. Nicholas Nixon gelingt das Kunststück, diese zwei konträren Haltungen zu versöhnen: Zeitvergessenheit und Zeitversessenheit. Jede Einzelaufnahme gilt nur dem Augenblick; sie zeigt vier Frauen, die der Zeit enthoben sind. Die Bilderserie aber hat ein anderes Thema, das sich als fortschreitender Alterungsprozess in den Gesichtern der Brown Sisters niederschlägt: das Phänomen der Zeit selbst und in letzter Konsequenz wohl auch – die Vergänglichkeit.

Biografische Daten

1947

geboren in Detroit, Michigan

1969

B.A., University of Michigan

1974

M.F.A., University of New Mexico

momentan

Professor für Fotografie, Massachusetts College of Art, Boston

lebt und arbeitet in Brookline, Massachusetts