Nobuyoshi Araki

Frozen zones

Eros ist ein Freund der Künstler. Seit der Mensch angefangen hat, in der Kunst über sich selbst nachzudenken, treffen wir auf Darstellungen des Erotischen. Gewöhnlich vermischen die Künstler Privates mit Öffentlichem. In der bildenden Kunst erzählt das Motiv vom „Maler und seinem Modell“ davon. Auch Dichter haben selten Hemmungen, die intimsten Erlebnisse literarisch zu verwerten. Oft überschreiten sie dabei die Grenzen des guten Geschmacks. Diejenigen Zeitgenossen, die nicht skandalisiert sind, verleihen ihnen dafür Kult-, nachfolgende Generationen Klassikerstatus.

Nobuyoshi Araki gilt als Chronist des modernen Japan und genießt dort die Popularität eines Schlagerstars. Araki arbeitet wie ein Besessener, seine Sujets und Motive findet er fast alle in Tokio. Viele seiner Arbeiten sind erotischen Inhalts, und die meisten davon schockieren. Seine sadomasochistischen Frauenportraits oder Detailansichten von Geschlechtsorganen dringen in tabuisierte Zonen vor und vollführen einen schwer beherrschbaren Balanceakt auf dem Grat zwischen Kunst und Pornografie. Triebfeder dieser Bilder ist die Suche nach künstlerischer Wahrheit. Genau genommen ist es Arakis eigene Wahrheit, die er uns vorführt. 1971 veröffentlichte er ein Fototagebuch über die Hochzeitsreise mit seiner Frau Yoko. Eine Passage daraus birgt einen Schlüssel zu seinem Werk. Sie spricht vom Fotografen als dem Erzähler eines „Ich-Romans“, in dem er selbst den Part des Protagonisten übernimmt.

Doch wie bei allen autobiografischen Konzepten spielt auch hier das Moment der Stilisierung eine entscheidende Rolle. Arakis libidinöse Momentaufnahmen zeigen nicht die platte Realität, sondern eine Welt voller Chiffren, Metaphern und Symbole. Die immer wiederkehrenden Eidechsen, Katzen, Pflanzen, Wolkenformationen oder nackten Frauenkörper sind Versatzstücke einer kalten Scheinerotik, die sich dem westlichen Betrachter zunächst nur an der Oberfläche erschließt. Erst bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass Arakis Fotografien der Kunst des Stilllebens näher stehen als der exhibitionistischen Selbstentblößung.

Biografische Daten

1940

geboren in Tokio

1964

graduiert am Department of Engineering an der Chiba University, Hauptfächer: Fotografie und Filmregie (B.A.)

lebt und arbeitet in Tokio