Olivia Arthur

Deutschlandreise

Nach der Eröffnung seiner Ausstellung „Small World“ 1995 in Paris soll dem britischen Fotografen Martin Parr niemand Geringeres als Henri Cartier Bresson, Mitbegründer von Magnum Photos, ein Fax geschickt haben – der Text: „Sie stammen von einem anderen Planeten.“ Gemünzt war der Satz auf Parrs satirischen Umgang mit den populären Orten der Tourismusindustrie und deren Protagonisten. Im Stil einer persönlich geprägten Fotodokumentation verwies Parr, der erst kurz zuvor bei Magnum aufgenommen worden war, mit seiner Reportage über die eigentliche Story, das eigentliche Thema hinaus und war damit zugleich einer der Pioniere des Wandels in puncto Ausrichtung und Funktion der klassischen Fotoagenturen.

Eine solche „erweiterte“ Fotodokumentation haben auch die vier Fotojournalisten Olivia Arthur, Moises Saman, Peter van Agtmael und Paolo Pellegrin erstellt. Die vier Vertreter einer jungen Generation von Magnum-Fotografen hatten die Aufgabe, Deutschland und dessen Bevölkerung im Jahr der Bundestagswahl 2013 mit dem unverbrauchten, neugierigen Blick der Fremden zu begegnen. Aus dem gemeinsam mit Magnum Photos initiierten Projekt der Art Collection ist ein 400 Fotografien umfassendes Konvolut hervorgegangen. Es entstanden Bilder von einem Deutschland, das sich so dargestellt kaum zur Bebilderung einer touristischen Werbebroschüre eignen würde. Im Nebeneinander der unterschiedlichen Sicht- und Arbeitsweisen findet sich in der „Deutschlandreise“ ein Deutschland, das manchem seiner Bewohner wenig vertraut und nahe erscheinen mag, auch dort, wo auf den Umgang mit der eigenen Geschichte verwiesen wird. In etlichen Aufnahmen allerdings erkennt man es doch wieder. Fotografien aus unserem Land und zugleich „wie von einem anderen Planeten“.

Die Britin Olivia Arthur suchte bewusst die Exotik des rheinländischen Karnevals und fand auf Umzügen und Sitzungen dafür typische Motive: Trunkenbolde und Liebespaare, Karnevalsprinzen und vom Tanz erschöpfte Teenager. Darüber hinaus erkundete sie verschiedene Orte des Ruhrgebiets, wo sie unter anderem seltsam eingefriedete Wohnwagen und akkurat gestutzte Vorgartenhecken festhielt.

Biografische Daten

1980

geboren in London, England

2003

Diplom in Fotojournalismus am London College of Printing

2003–2006

zweieinhalbjähriger Aufenthalt in Indien (Stipendium der Fondation Jean-Luc Lagardère, Paris)

2006–2007

einjährige Residency im Fabrica Kommunikationsforschungszenturm in Treviso, Italien

2010

erhält den Vic Odden Award der Royal Photographic Society, London

2011

wird mit dem OjodePez Award for Human Values der Photo España, Madrid, ausgezeichnet

2012

wird Mitglied von Magnum Photos; erhält den Inge Morath Preis von Magnum Photos, Paris und der Inge Morath Foundation, New York; veröffentlicht ihr erstes Fotobuch Jeddah Diary, über junge Frauen in Saudi Arabien

2014

Gruppenausstellung “Deutschlandreise”, zusammen mit Paolo Pellegrin, Moises Saman und Peter van Agtmael, in der Deutschen Börse, Eschborn

lebt und arbeitet in London, England