Paul Fusco

Den Abschied fassen

Bestattungsrituale haben seit Menschengedenken eine wichtige symbolische und soziale Bedeutung. Bei hochrangigen Mitgliedern einer Gesellschaft spielt die Trauerprozession in vielen Kulturen eine besondere Rolle. Noch heute werden in Europa Mitglieder von Königshäusern, aber auch Staatsfrauen und -männer vor ihrer Beisetzung mit feierlichen Trauerzügen geehrt. Die Bevölkerung erhält so Gelegenheit, Abschied von der verstorbenen Persönlichkeit zu nehmen, gleichzeitig wird deren Einfluss innerhalb der bestehenden Strukturen buchstäblich anschaulich gemacht.

In den turbulenten 1960er Jahren hatten die USA besonders häufig Anlass, Verluste öffentlicher Personen zu betrauern. Nur zwei Monate nach dem gewaltsamen Tod des Bürgerrechtlers Martin Luther King und wenige Jahre nach der Ermordung des jungen Präsidenten John F. Kennedy fiel am 6. Juni 1968 auch dessen jüngerer Bruder Robert einem Attentat zum Opfer. Das Ereignis traumatisierte eine Nation, die gerade wieder Hoffnung auf einen politischen Umbruch geschöpft hatte: Der damalige Senator des Staates New York galt als aussichtsreicher Anwärter auf das Amt des Präsidenten.

Der amerikanische Fotograf Paul Fusco war im Auftrag seines Arbeitgebers, des Magazins „Look“, mit an Bord eines außergewöhnlichen „Trauerzuges“: Ein Sonderzug überführte am 8. Juni 1968 Robert Kennedys Leichnam von New York nach Washington D. C.; Hunderttausende Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hautfarbe und sozialer Schicht säumten an jenem heißen Sommertag die Strecke des Zuges, um ihrem „Bobby“ die letzte Ehre zu erweisen. Fasziniert von den Eindrücken und der Stimmung, die sich ihm beim Blick aus dem Zugfenster offenbarten, fotografierte Fusco die acht Stunden währende Fahrt ohne Pause. Seine Aufnahmen geben das Gesehene mit unvermittelter Direktheit wieder: Wegen der Bewegung des Zuges war ein minutiöses Komponieren der Bildausschnitte kaum möglich, der Fotograf war gezwungen, seine Kamera intuitiv einzusetzen. Die Flüchtigkeit des Gesehenen bleibt in vielen Bildern durch Unschärfe erkennbar. Umso eindrucksvoller ist die Lebendigkeit, mit der diese Bilder die Emotionen der Menschen festhalten, an denen der Zug vorüberfährt: Vereinzelt oder in Gruppen, in Städten oder auf dem Land, kommen Anteilnahme an einer beispiellosen Tragödie gepaart mit einer tief erschütterten persönlichen Hoffnung auf bessere politische Perspektiven zum Ausdruck.

Die Serie „RFK funeral train“ steht als einzigartiges fotografisches Dokument amerikanischer Zeitgeschichte für sich. Auch mehr als 40 Jahre nach diesem historischen Ereignis vermitteln uns Fuscos Aufnahmen die Lage einer schicksalsgebeutelten Nation mit ergreifender Aktualität.

Biografische Daten

1930

geboren in Leominster, Massachusetts, USA

1951–1953

Militärdienst als Fotograf für die Armee der Vereinigten Staaten, Signal Corps in Korea

1957

Nach seinem Bachelor of Fine Arts in Fotojournalismus der Ohio University in Athens, Ohio, zog er nach New York, wo er ab 1971 für das Magazin Look arbeitete

1968

Sein erstes Fotobuch Sense Relaxation: Below the Mind erscheint

ab 1971

arbeitet als freiberuflicher Fotograf für u.a. Life, New York Times Magazine, Newsweek und Time

1974

Wird Mitglied bei Magnum Photos

2006

Sechs seiner Fotografien aus dem “RFK Funeral Train” wurden vom Metropolitan Museum of Art, New York erworben

lebt und arbeitet in San Francisco, California, USA