Peter Bialobrzeski

Wirklichkeitsfuturismus

Als Peter Bialobrzeski in seiner Heimatstadt Wolfsburg 1983 bei einer Lokalzeitung seine ersten Schritte als professioneller Fotograf machte, konnte er noch nicht ahnen, dass er mit seinen Bildern einmal zwischen die Begriffsfronten „Reportagefotografie“ und „Kunstfotografie“ geraten würde. Zu „künstlerisch“ nach den Vorstellungen der klassischen Bildreportage, zu „journalistisch“ nach dem vorherrschenden Geschmack des Kunstbetriebs. Und doch arbeitete Bialobrzeski mehr als zehn Jahre lang als Fotograf für renommierte Medien wie GEO, Merian, Tempo und Die Zeit und entwickelte dabei sein ausgeprägtes Gespür für außergewöhnliche Bildthemen.

In seiner Serie „Neontigers“ wirft Bialobrzeski einen ganz und gar eigenen Blick auf die wachstumsorientierten Wirtschaftsmetropolen Asiens, allen voran Hongkong, Shanghai, Shenzhen und Bangkok. Aus dem seit den 1980er Jahren gebräuchlichen Begriff „Asian Tigers“ für die wirtschaftlich am stärksten wachsenden Staaten Asiens werden durch Bialobrzeskis Kameraauge in insgesamt sieben Reisen die titelgebenden „Neontigers“: Er präsentiert die Millionenstädte als hypermoderne Traumwelten in gleißendem Neonlicht und als utopische Orte, die zugleich Spuren der dramatischen ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen tragen.

Ohne nachträgliche Bearbeitung gelingen ihm Bilder, die nicht von ungefähr an die fantastischen Bildwelten im Science-Fiction-Filmklassiker „Blade Runner“ von 1982 erinnern: In dieser bildgewaltigen Dystopie stellt der Regisseur und Produzent Ridley Scott ein asiatisiertes Mega-Los Angeles als gigantischen Hochhausmoloch dar. Ein Film übrigens, den Bialobrzeski während seiner ersten Rucksackreise 1987 in einem Videocafé in Bangkok sah und der ihn nachhaltig beeindruckte. Allerdings ist die Herstellungstechnik der Fotografien in „Neontigers“ alles andere als Zukunftsmusik: Bialobrzeski verwendete eine analoge Großformatkamera mit klassischem Filmmaterial. Durch verführerische Pastelltöne, reduzierte Kontraste und markante Lichtreflexe verwandelt er uniforme Betonfassaden in farbintensive Architekturlandschaften, deren einzelne Gebäude wie Skulpturen aus dem Gesamtgefüge ragen. Die zumeist als artifiziell empfundene Farbigkeit der Fotografien entsteht auf ganz „natürlichem“ Wege: In die durch die Morgendämmerung allmählich verschwindende Dunkelheit der Nacht strahlen die farbigen Lichter der Großstadt von Wohnungen, Büros, Garküchen, Straßenbeleuchtung und Werbeflächen. Neontigers #53 zum Beispiel zeigt ein Shanghai, bei dem der gepflegte, aber menschenleere Platz im Vordergrund wie eine fiktive Kultstätte für die hypermoderne Stadtautobahn darüber wirkt: verlassen und steril und doch beredtes Monument faszinierender Modernität und vitaler Zukunftsorientierung.

So sehr seine Fotografien Zeugnis des Wachstums und der Veränderung dieser Städte ablegen mögen, letztlich sind sie „fiktional“ oder, wie Bialobrzeski sie beschreibt: „Sie zitieren aus der Wirklichkeit.

Biografische Daten

1961

geboren in Wolfsburg

1981-83

Studium der Politikwissenschaften und Soziologie an der Universität Braunschweig

1988-93

Studium an der Folkwand Uni der Künste in Essen sowie am London College of Painting

1994

wird Mitglied der Fotoagentur laif, mit Sitz in Köln

1997

wird Mitglied der DFA – Deutsche Fotografische Akademie

Seit 2002

Professor für Fotografie an der Hochschule der Künste Bremen

2003/2010

erhält den World Press Photo Award

2012

erhält den Erich Salomon Award der DGPh, Köln

lebt und arbeitet in Hamburg und Bremen