Philip-Lorca diCorcia

Moment der Ahnungslosigkeit

„Als Fotograf ist man fast völlig vom Gegenstand abhängig“, sagt Philip-Lorca diCorcia, „ich habe es einmal andersherum versucht und als Erstes das Verfahren definiert.“ Das bestand bei seiner Porträtserie „Heads“ darin, an einer Stelle des Times Square, New York, mit derselben Ausrüstung innerhalb eines bestimmten Zeitraums Tausende von Passanten in einer genau festgelegten Weise zu fotografieren. Dort, wo die Menschen unter einem Baugerüst entlangliefen, montierte diCorcia eine Blitzanlage. Auf dem Boden brachte er eine kaum wahrnehmbare Markierung an. In großem Abstand installierte er eine Kamera mit starkem Teleobjektiv. Wenn Passanten, die ihn interessierten, an der markierten Stelle vorübergingen, betätigte er den Auslöser.

Die Porträts, die dabei entstanden, zeigen einen selektiven Querschnitt durch die urbane Gesellschaft New Yorks. Der Kleidung nach zu urteilen, sind Geschäftsleute darunter, ein Angehöriger eines Sicherheitsdienstes, ein Briefträger. Die meisten – besonders die Jugendlichen – können schwer eingeordnet werden. Das sollen sie auch gar nicht, denn diCorcia wollte keine Typen porträtieren, sondern Individuen, die durch sich selbst, ihren Charakter, ihr Charisma wirken. „Es gibt Leute, die ziehen unsere Blicke mehr auf sich als andere, weil sie etwas Besonderes sind“, sagt diCorcia. Auch das fällt auf: Die Menschen, die er porträtiert hat, scheinen alleine, in Wirklichkeit aber bewegen sie sich in einem Strom anderer Fußgänger. Der punktgenaue Stroboskopblitz hat sie bei vollem Tageslicht aus der Menge isoliert – und für Sekundenbruchteile zu Individuen gemacht.

Bemerkt hat keiner der Passanten, dass er fotografiert wurde. Gerade auf dieses Moment der Ahnungslosigkeit kam es diCorcia an: „Bilder sind gewöhnlich ein Spiegel dessen, der sie produziert hat. Bei dieser Serie wollte ich meine Anwesenheit als Fotograf so weit wie möglich ausblenden.“

Biografische Daten

1951

geboren in Hartford, Connecticut

1976

Abschlussdiplom der School of the Museum of Fine Arts, Boston

1979

Master of Fine Arts der Yale University, New Haven

lebt und arbeitet in New York