Ricarda Roggan

Die Würde der Dinge

Der Mensch hat Bilder im Kopf, die ihn beschäftigen. Ricarda Roggan sucht in der Wirklichkeit nach den Szenarien, die vor ihrem geistigen Auge ablaufen. Fündig wird sie in verlassenen Gebäuden mit ausgemustertem Inventar. Denn sie fotografiert Gegenstände, die außerhalb des Lebens stehen: „Ich bin eine Foto-Archäologin“, sagt sie. Und als solche geht sie systematisch vor, stellt Regeln auf, die sie bei der Arbeit befolgt, um in ihren Aufnahmen die Beliebigkeit in Schach zu halten. Die Gegenstände fasst sie nur mit Handschuhen an, denn sie habe Respekt vor den Dingen. Und sie möchte jede menschliche Spur vermeiden. Den Bildinhalt reduziert Ricarda Roggan auf ein Minimum, ihre Fotografien sind akribisch vorbereitet: Von der Raumsituation in einer alten Schule fasziniert, markiert sie die Position aller Objekte – Tische und Stühle – und übernimmt die Anordnung eins zu eins in einen Raum, den sie selbst gebaut hat. Kein Mensch ist zu sehen, kein Mensch ist zu spüren – Ricarda Roggan hat alles Menschliche aus der Umgebung isoliert. „Ich muss mir den Raum zu eigen machen.“ Erst dann entsteht das Foto.

Ein Tisch, ein Stuhl; zwei Tische, acht Stühle; ein Tisch, kein Stuhl, aber ein Bett. Und immer wieder dieser karge Raum, an dessen Wänden nichts hängt. Ricarda Roggans menschenleere Fotografien erregen Mitleid, denn sie dokumentieren die Nutzlosigkeit von Objekten, die in Vergessenheit geraten sind. Indem Ricarda Roggan den Dingen Beachtung schenkt, gibt sie ihnen ein Stück Würde zurück. „Ich fotografiere lieber Räume als Menschen, weil ich sie besser kontrollieren kann.“ Doch was fasziniert sie an Tischen, Stühlen, Betten? Vor allem die Aufnahmen davon, denn sie stillt ein skulpturales Interesse und erforscht im Bild die Beziehung zwischen den Objekten. Für sie, die sich an jedem Motiv aufreibt, sind die nüchternen Fotografien aus der Serie „Stuhl, Tisch, Bett“ sinnliche Bilder, zu denen sie eine intime Beziehung entwickelt hat. Doch bei aller Liebe zu alten Stühlen und ausrangierten Tischen bleibt die Sehnsucht nach neuen Inhalten: „Es wäre wundervoll, mal etwas Schönes zu fotografieren.“

„Meine Fotografien sollen keine Geschichten erzählen – ich will nur ein Bild machen“, sagt Ricarda Roggan bescheiden. Doch ihre Aufnahmen erzählen einiges: Von der Vergangenheit der Objekte, von ihrem Eigenleben und ihrer Melancholie. Vor allem aber schaffen Ricarda Roggans Bilder neue Geschichten, nämlich in den Köpfen der Betrachter.

Biografische Daten

1972

geboren in Dresden

1993

Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

1996

Studium der Fotografie in Leipzig

2002

Deutscher Universitätsabschluß

2004

Abschluß als Meisterschülerin bei Prof. Rautert

lebt und arbeitet in Leipzig