Richard Mosse

Rote Finsternis

Die Liaison zwischen Schönheit und tragischem Kriegsgeschehen kennt die Kunstgeschichte spätestens seit der romantischen Malerei des 18. Jahrhunderts. Eugène Delacroix vertrat zu dieser Zeit die programmatische Meinung, dass es vor allem die Farbwerte seien, mit deren Hilfe die durchschlagende Gesamtwirkung eines Bildes erzielt werden könne. Darstellungen bedeutsamer Schlachten wurden von der Hand des Malers daher im Dienste einer höheren Ideologie buchstäblich „eingefärbt“.

Seit im 20. Jahrhundert nicht nur unsere Welt, sondern auch unsere Kriege industrieller und die Medien vernetzter wurden, illustrieren nicht nur wenige maßgebliche Gemälde, sondern ein Meer fotografischer Bilder politische Konflikte. Sie tragen nicht selten dazu bei, die öffentliche Aufmerksamkeit nachhaltig auf die bebilderten Themen zu lenken. Richard Mosses Kunstwerk „The Enclave“ umfasst sowohl Film- als auch Fotoaufnahmen und lotet die Grenzen zwischen konventioneller Reportagefotografie und Positionen zeitgenössischer Konzeptkunst aus. Farbe bildet für diese Arbeit den formellen Ausgangspunkt, denn Mosse nutzte ein vom US-Militär entwickeltes Infrarot-Material, das zur Feinderkennung in unübersichtlichem Gelände eingesetzt wurde und grüne Pflanzenbestandteile in intensiven Rottönen wiedergibt. "The Enclave" beschäftigt sich mit dem Kriegsgeschehen in der Demokratischen Republik Kongo, die seit mehr als fünf Jahrzehnten zu den größten Krisenherden Afrikas zählt. Hauptsächlich in den östlichen Provinzen, die Mosse für sein Projekt in den Jahren 2010 und 2011 bereist hat, schwelt ein Bürgerkrieg, der immer wieder in humanitäre Katastrophen mündet.

Die Fotoaufnahmen zu „The Enclave“ erinnern mit ihren opulenten Urwaldlandschaften an klischeehafte Afrikabilder. Zu schön, aber viel zu rot, um wahr zu sein, entfalten sie ein sinnliches Schauspiel von Wildheit, Weite und szenischer Pracht. Ergänzt werden sie von stillen Porträts, Motiven des Alltagsgeschehens in den verfeindeten Lagern und immer wiederkehrenden Residuen der Gewalt. Wie die Szene einer Gefangennahme, in der erst auf den zweiten Blick ins Auge fällt, dass der bewaffnete Soldat einen Menschen am Boden hinter sich her schleift – oder das düstere, weite Loch im Erdboden, das grausige Gedanken über seine Bedeutung heraufbeschwört, ohne wirklich davon zu erzählen.

Mosse versucht nicht, das Unbeschreibliche wiederzugeben. Er zeigt es vielmehr in farblicher Abstraktion: Das unnatürliche Rot wird zur Störfrequenz, zur schrillen Dissonanz, mithilfe der er vor Ort Erlebtes und Empfundenes verschmilzt und zu paradoxen, irisierenden Bildern destilliert. Anmut und Grauen stehen in diesem Werk in finsterer Allianz eng beisammen. Ein derart radikaler künstlerischer Ausdruck, verbunden mit einem ethischen Engagement, ist in der zeitgenössischen Fotografie mehr als außergewöhnlich. Er transportiert das Wesen des Ostkongo-Konflikts mit einer Eindringlichkeit, die weit über jede konventionelle Bildberichterstattung hinausreicht.

Biografische Daten

1980

Geboren in Kilkenny, Irland

2001

Studium der Englischen Literatur am Kings College, London

2005

Postgraduierten-Diplom in den Bildenden Künsten am Goldsmiths, University of London

2006–2008

Erhält ein Leonore Annenberg Stipendium des Annenberg Public Policy Center, University of Pennsylvania, Philadelphia, USA

2008

Master of Fine Arts in Fotografie der Yale University School of Art, New Haven, Connecticut

2011

Erhält ein John Simon Guggenheim Memorial Stipendium

2013

Vertritt Irland auf der Biennale von Venedig

2014

Gewinnt den Deutsche Börse Photography Prize

lebt und arbeitet in New York