Rineke Dijkstra

Kollektive Individuen

An Äußerlichkeiten kann man junge Leute heute kaum unterscheiden. Die Trends, die Kleidung und Geschmack prägen, sind international: Im Reich von MTV, Nike oder Eastpack geht die Sonne nicht unter. Zu einem bestimmten Alter gehören universelle Gefühle und Gesten. Sie stellen sich ein, wenn wichtige Erfahrungen zum ersten Mal gemacht werden: Freundschaft, Liebe oder der Wunsch nach Unabhängigkeit. Mit dem Erwachsenwerden verändert sich die Einstellung anderen gegenüber: Man beurteilt Menschen und Dinge realistischer. Und wenn die Welt darum bedrohlicher wirkt, rückt man eben näher zusammen. Gleichzeitig festigt sich der Charakter: Die Jugendlichen finden ihren Stil, ihre Sprache, sie entwickeln ein Bewusstsein von sich selbst.

Wer Rineke Dijkstras Arbeiten kennt, kann die Faszination des Phänomens „Jugend“ nachempfinden. In den Niederlanden hat sie junge Mütter unmittelbar nach der Entbindung porträtiert, in Portugal junge Matadore unmittelbar nach dem Kampf, in Osteuropa Jugendliche am Badestrand, in Israel eine Gruppe von Freundinnen. Dennoch legt Rineke Dijkstra Wert darauf, dass wir ihre Bilder als Porträts von Individuen betrachten. Nicht um ein kollektives Abstraktum gehe es ihr, sondern um die Darstellung der unverwechselbaren Person.

Rineke Dijkstra interessiert sich auch für die Vergänglichkeit oder sagen wir es genauer: den Menschen unter dem Einfluss der Zeit. Von ihren Motiven fertigt sie bevorzugt Serien an; die Porträts der israelischen Freundinnen entstanden im Abstand von einem Jahr, das bosnische Flüchtlingsmädchen Almerisa porträtiert sie regelmäßig im Zwei-Jahres-Turnus. Ob sie glaube, dadurch der Wahrheit der Person näher zu kommen? „Ja und nein. Ein Foto ist immer eine Art von Lüge. Wahrheit gibt es nur für den Bruchteil einer Sekunde.“

Biografische Daten

1959

geboren in Sittard, Niederlande

1981–86

Gerrit Rietveld Akademie, Amsterdam

lebt und arbeitet in Amsterdam