Roni Horn

Feuchtes Element

„Alles ist Wasser“, sagte Thales von Milet rund 600 Jahre vor Christus. In der christlichen Tradition sind Erde und Staub konstitutive Elemente des Lebendigen; der antike Naturphilosoph hingegen glaubte, im Flüssigen den Ursprung und das Ziel der Existenz gefunden zu haben.

Roni Horn kennt diese Überlieferung; in ihren Fotografien greift sie Thales’ These vom Wasser als dem Endpunkt des Daseins auf. Denn neben Kommentaren aus Literatur und Alltag sowie persönlichen Beobachtungen sind die Polizeiberichte der Londoner Metropolitan Police der wichtigste Ausgangspunkt für Roni Horns Wasserbilder. Zwei Jahre lang hat sie Polizeiakten nach Leichenfunden in der Themse und in Ufernähe durchforstet und die Dokumente als Inspirationsquelle verwendet. Aus persönlichen Assoziationen zu den Tatbeständen konstruierte Horn dann fiktive Szenarien der fatalen Vorgänge. In der Londoner Tate Modern ergänzen Fragmente dieser Geschichten gemeinsam mit Beobachtungen und Gedanken der Künstlerin jedes Wasserbild in einer Textleiste.

Doch Roni Horns Bilder sprechen auch ohne diesen Kommentar. Einige zeigen die bedrohliche Seite des Flusses, andere wirken eher beruhigend auf den Betrachter. Alle Wasserbilder weisen perspektivische Gemeinsamkeiten auf: Die „uferlosen Fotografien“ fixieren die Oberflächenstruktur des feuchten Elements aus nächster Nähe und vervielfältigen sie über den Bildrand hinaus ins Unendliche. Dennoch könnten die Aufnahmen unterschiedlicher nicht sein: Je nach Witterung und Tageszeit wird aus einem stillen Gewässer eine brausende See und aus einem klaren Fluss ein verschmutzter Tümpel. Als gemeinsamer Nenner bleibt in Roni Horns Wasserbildern schließlich eines: Jede Fotografie erzählt eine Geschichte von der Themse.

Biografische Daten

1955

geboren in New York

1975

Bachelor of Fine Arts an der Rhode Island School of Design, Providence

1978

Master of Fine Arts der Yale University, New Haven, Connecticut

lebt und arbeitet in New York