Thomas Ruff

Dermatologischer Realismus

„Also warum kann man nicht hingehen und sagen ah ja, großes Foto, großer Kopf, das Bild als Bild nehmen und sagen Dankeschön Herr Ruff, schön gemacht?“ Thomas Ruffs Worte formulieren eine ironische Polemik gegen willkürliche Deutungen seiner Fotografien und, generell, die Verfügbarkeit alles Sichtbaren. Aus dem Mund eines Schülers der Düsseldorfer Kunstakademie überrascht das nicht. Bernd und Hilla Becher, die dort unterrichteten, haben in ihren dokumentarischen Architekturaufnahmen einen strengen Fotorealismus verfochten und damit eine eigene Schule begründet.

Aber ein „Bild als Bild nehmen“ – wertfrei, neutral, leidenschaftslos – ist gar keine so einfache Sache. Thomas Ruffs Portraits irritieren allein schon durch ihre überdimensionierten Abmessungen. Jedes Detail, jede Pore, jeder Pickel in den großformatigen Gesichtern ist erkennbar. Lebende Personen würden wir niemals so unverblümt fixieren. Ruffs Fotografien legen diese Schamschranke nieder: Wir schauen hin. Genauso wie wir sie betrachten, blicken die Portraitierten zurück. Doch ihre bildhafte Entrücktheit überträgt sich nicht auf den Betrachter. Im Gegenteil, sie weckt unsere Emotionen. Wir verteilen Sympathien und Antipathien, einzelne Gesichter sprechen uns an, andere weniger. Und dann beginnen wir darüber nachzudenken, wer die abgebildeten Personen wohl sein mögen. Welcher Tätigkeit gehen sie nach? Woher kommen sie? Was ist ihre Geschichte?

Der Mensch ist von Natur aus neugierig, er will wissen, was hinter den Fassaden verborgen liegt. Auch das Gesicht ist eine Art Fassade. Im 18. Jahrhundert beschäftigte man sich mit Physiognomik und versuchte, aus den Gesichtszügen eines Menschen auf seinen Charakter zu schließen. Vieles davon blieb rein spekulativ. Doch wer würde heute behaupten, dass ihm der physiognomische Blick völlig fremd sei? Fotografien sehen wir mit den Augen, Bilder entstehen im Gehirn.

Biografische Daten

1958

geboren in Zell am Harmersbach

1977-85

Studium an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf unter Bernd Becher

seit 2000

seit 2000 Professur für Fotografie an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf

lebt und arbeitet in Düsseldorf