Timm Rautert

Die Machtlosigkeit der Bilder

Als in den 1950er Jahren der Fernseher die heimischen Wohnzimmer eroberte, prophezeiten viele, das bewegte Bild werde das stille bald überflüssig machen. Doch Fotografien – nicht Filme –, die Augenblicke verewigten, Momente einfroren und über den Stillstand die Betrachter zum Hinschauen und zur Auseinandersetzung zwangen, prägen noch heute das kollektive Gedächtnis. Buzz Aldrin auf dem Mond, fliehende Kinder beim Napalm-Angriff in Vietnam, der Student vor den Panzern auf dem Tian’anmen, Folteropfer in Abu Ghraib – diesen Bildern wird zugeschrieben, dass sie die Welt verändert haben.

Timm Rauterts Laufbahn begann als Fotojournalist. Vom Glauben beseelt, mit der Fotografie die Welt verbessern zu können, nahm er sich im Auftrag großer Magazine und Zeitungen sozialer Themen an – das brachte ihn nach Japan, Russland, in die USA, führte ihn zu Obdachlosen, Arbeitslosen, Contergan-Opfern. Mit der Kamera wollte er sich alles aneignen, in Bilderserien die Betrachter nachhaltig auf Missstände hinweisen. Doch die Macht der Bilder und deren Einfluss auf die Gesellschaft erwies sich als begrenzt: „Ich habe mit meinen Bildern nichts verändert“, stellte Timm Rautert nach Jahren ernüchtert fest.

Sein Interesse an gesellschaftlichen und moralischen Fragen blieb ungebrochen. Doch sein fotografischer Ansatz änderte sich, wurde bewusster und reflektierter. Timm Rautert bewegte sich zunehmend an der Schnittstelle zwischen angewandter und künstlerischer Fotografie. Die Aussage seiner Aufnahmen stellte er dennoch weiterhin über ihre Ästhetik: „Die Fotografie ist ein wichtiges Medium, um die Welt zu verstehen; es ist viel zu schade, sie nur als Kunst zu gebrauchen.“ Gleichwohl kombinierte er Form und Inhalt im Bewusstsein, dass seine Arbeit stets nur seine eigene Sicht der Dinge zeigen könne.

Diesen Ansatz hatte sein Lehrer Otto Steinert maßgeblich geprägt: Der Begründer der Subjektiven Fotografie propagierte, dass eine objektive Wiedergabe der Wirklichkeit nicht möglich sei. Die Anwesenheit einer Kamera verfremde alle Beteiligten und damit das Bild – so wie den Fotografen selbst. Auch für Timm Rautert steht die Kamera zwischen ihm und der Realität – und verstellt den Blick auf das Leben.

Biografische Daten

1941

Geboren in Tuchel, Deutschland

1966–1971

Studium der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste, Essen

1993–2007

Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig

2008

Lovis-Corinth-Preis für sein Lebenswerk

lebt und arbeitet in Essen und Leipzig