Ursula Schulz-Dornburg

Metaphysischer Halt

Ideologien kommen und gehen. Eine Weile überleben sie in den Bauwerken, die sie geschaffen haben: Steinerne Zeugen sind dauerhafter als die Überzeugungen der Menschen. Ursula Schulz-Dornburg hat Bushaltestellen in Armenien fotografiert. Sie wurden in den 70er Jahren errichtet, als die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken während der Breschnew-Ära der westlichen Welt die Zähne zeigte. Neben der rein funktionalen Aufgabe hatten die Wartehäuschen eine politische Botschaft zu vermitteln: die Vision von der gesellschaftsverändernden Kraft des Sozialismus.

Heute fallen diese „ideologischen Bauwerke“ vor allem durch eines auf: das groteske Missverhältnis von Funktion und Masse, von Anspruch und Wirklichkeit. Ihre mangelnde Haltbarkeit und ihre Lage inmitten landschaftlicher Ödnis unterstreichen den Eindruck des Unangemessenen.

Würdevoll dagegen erscheinen die Menschen, die dort auf Beförderung warten. Doch halt! Bieten die Bauwerke den Reisenden wirklich Schutz vor Wind und Wetter? Wohin mögen sie unterwegs sein in diesem Niemandsland? Werden sie jemals an ihrem Ziel ankommen? Oder gleicht ihr Ausharren und Innehalten einem „Warten auf Godot“? Indizien herannahender Fahrzeuge gibt es nicht.

Die Bilder werfen mehr Fragen auf als sie beantworten. Sehr persönliche Erfahrungen hat Ursula Schulz-Dornburg in ihnen eingefangen: die Schutzbedürftigkeit des Menschen, sein Schicksal, ein Reisender zu sein und die potenzielle Vergeblichkeit seines Tuns. Wer in schweren Zeiten Haltung bewahrt, hat viel getan – metaphysischer Halt ist illusionär.

Biografische Daten

1938

geboren in Berlin

1959-1960

Studium der Fotografie und des Journalismus in München

lebt und arbeitet in Düsseldorf