Walker Evans

Von Fassaden und Menschen

Weites Land, windschiefe Holzhütten, staubige Landstraßen, hagere Menschen, denen die Entbehrungen harter Jahre ins Gesicht geschrieben sind, und immer wieder Autos, Lastwagen, Tankstellen, Coca-Cola-Werbetafeln und Lebensmittelläden. Unser Bild der Vereinigten Staaten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist durch und durch geprägt von den Fotografien, die im Auftrag der Farm Security Administration (FSA) und deren fotografischer Dokumentationsabteilung in den Jahren zwischen 1935 und 1944 entstanden. Sie zeigen ein zivilisatorisch erschlossenes, aber überwiegend ländliches Nordamerika mit Millionen von verarmten Kleinbauern und Wanderarbeitern. Ein Land, das – unterstützt durch das Reformprogramm des „New Deal" der Roosevelt-Ära – erst allmählich wieder auf die Beine kommt. Es sind jene Bilder einer Nation in blühender Verarmung, auf die wir variantenreich auch in Literatur und Film stoßen, etwa bei John Steinbeck, dem die Bilder der FSA als Vorbild und Inspiration für seine Romane „Früchte des Zorns" und „Von Mäusen und Menschen" dienten.

Walker Evans nahm bereits früh als freier Mitarbeiter an dem einzigartigen Fotoprojekt teil und wurde sogar zum prägenden Vorbild für nachfolgende Fotografen, überwarf sich allerdings bald mit seinen Vorgesetzten. Doch seine Eigenwilligkeit sollte belohnt werden: Evans, der Zeit seines Lebens den Begriff der „Dokumentation" nur als notdürftige Metapher für seinen speziellen Stil künstlerischer Fotografie verstanden hat, erhielt mit „American Photographs" bereits 1938 die erste Einzelausstellung eines Fotografen im Museum of Modern Art in New York. Schon früh nahm er die Fotografie als künstlerisches Medium ernst und überführte sie in die Moderne, indem er sie vom Staub des historischen Pathos kunsthistorischer Vorbilder befreite und den Alltag und dessen dingliche Gegenwart in einen scheinbar banalen Realismus übersetzte. Mit Neugier und Ausdauer untersuchte er die Architektur kleiner und größerer Städte und zeigte Gemeinsames ebenso wie Trennendes. Und so wie Evans Hausfassaden als Individuen zeichnet, so sucht er im Porträt das Universell-Menschliche.

In seinen Bildern werden die ganz eigenen Merkmale der US-amerikanischen Kultur deutlich, da er diese mit beispielloser Akribie einfing. Dabei mögen sich seine Fotografien dem damaligen Betrachter nicht immer auf Anhieb erschlossen haben – und sie tun dies auch heute manchmal nur widerwillig. Oft wirken sie auf den ersten Blick verschlossen und zugleich detailverliebt in all ihrer Versessenheit auf naturalistische Abschilderung. Aber letztlich sind all die Reklametafeln, heruntergekommenen Bretterbuden, die Ford Model Ts und As, die Kleinbauern, Tagelöhner, Tankwarte, Handelsvertreter und geduldig vor der Kamera verharrenden Kinder tiefer Ausdruck der künstlerischen Substanz des Evansschen Schaffens, das nichts weniger ist als eine liebevolle visuelle Beschreibung kultureller Identität.

Biografische Daten

1903

geboren in St. Louis, USA

1935–1937

Fotograf für die FSA (Farm Security Administration) in Washington D.C., USA

1943

Arbeit beim Time Magazin

1975

verstorben in New Haven