Weronika Gęsicka

Verstörende Idylle

Es scheint, als blicke man auf eine Werbeanzeige der 1950er Jahre für Bademoden: An einem Strand stehen vor einem strahlend blauen Himmel drei sportliche Männer, die drei attraktive junge Frauen in Badeanzügen auf ihren Schultern tragen. Lächelnd blicken diese in die Ferne. Bei näherer Betrachtung springt jedoch eine Ungereimtheit ins Auge: Die Köpfe der drei Herren fehlen – die Frauen sitzen direkt auf deren Hälsen. Durch dieses Detail wirkt die Fotografie plötzlich surreal und disharmonisch; die abgebildete Realität erscheint verschoben.

Für ihre Serie „Traces" durchsuchte die polnische Künstlerin Weronika Gęsicka verschiedenen Online-Bilddatenbanken nach Fotos aus den 1940er bis 1960er Jahren, die in ihren Augen den American Way of Life jener Zeit widerspiegeln. Oft handelt es sich hierbei um klischeebeladene Szenen mit glücklich wirkenden Menschen in einer scheinbar perfekten Welt. Die genaue Herkunft der Aufnahmen ist nicht mehr nachvollziehbar, sodass sich Werbe- und Privatbilder vermischen. Spielerisch manipuliert Gęsicka die dargestellte Idylle, indem sie die Bilder digital verfremdet. Sie folgt dabei keinem strengen Muster, sondern entscheidet intuitiv, welches Detail sie fasziniert und anschließend bearbeitet. Die recht stereotypen Szenen des suburbanen amerikanischen Lebens werden in der Folge zu einer ebenso humorvollen wie unbequemen Realität. Meist sind es verdeckte Gesichter, verformte Körper und eigentümliche Überlagerungen, die den amerikanischen Traum aus den Fugen geraten lassen. Gęsicka legt eine unbehagliche, geradezu beklemmende Stimmung über die Motive, die sich manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart: junge Männer, deren Köpfe beim Tanztee in den Ausschnitten ihrer übergroßen Damen versinken, Familienmitglieder am Esstisch, die hinter dem Vorhang verschwinden, oder ein Graben, der den heimkommenden Vater von seinen auf ihn zu laufenden Kindern trennt.

Weronika Gęsicka hinterfragt mit ihrem Projekt unsere Wahrnehmung von Bildern. „Traces" ruft dem Betrachter somit ins Bewusstsein, dass auch das vermeintlich die Wirklichkeit abbildende Medium Fotografie nicht objektiv ist. Jede Fotografie bedient lediglich eine Sichtweise auf das tatsächlich Geschehene und bleibt in den Augen der Fotografin ein subjektives Abbild. Sie spielt durch die bildlichen Abwandlungen mit dem Betrachter, der zunächst glaubt, er könne die Szenen schnell zuordnen und identifizieren – bis er bemerkt, dass in diesem Werk nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Biografische Daten

1984

geboren in Włocławek, Poland

2003-2009

Studium an der Akademie für Bildende Kunst an der Akademie der Fotografie in Warschau, Polen

2017

Foam Talent Gewinnerin

lebt in Choceń, Poland