Zanele Muholi

Stiller Widerstand

Als fünftes Land der Welt ebnete Südafrika bereits 2006 den Weg für die gleichgeschlechtliche Ehe. Schon zehn Jahre zuvor hatte der Staat als erster weltweit gesetzlich festgehalten, dass Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung strafbar ist. Dies mag zunächst wie ein großer Schritt für die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe erscheinen, jedoch sieht die Realität der LGBTQ-Community (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer) in Südafrika selbst heute noch anders aus: Stigmatisierung, Ausgrenzung und Anfeindungen sind für jene, die offen dazu stehen, homosexuell oder Transgender zu sein, an der Tagesordnung. Vor allem als Femme erkannte und als Frauen wahrgenommene Menschen werden dort jährlich Opfer zahlreicher gewalttätiger Angriffe.

In diesem Umfeld wuchs auch die Südafrikanerin Zanele Muholi als Teil der LGBTQ-Community auf. Mit ihrer Arbeit als Aktivistin und Fotografin möchte sie ein Zeichen setzen gegen die Diskriminierung, die sie am eigenen Leib, aber auch in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder miterleben musste. Muholis Arbeit richtet sich nicht nur gegen die Taten selbst, sondern auch gegen die mediale Berichterstattung über die homophoben, durch Hass motivierten Verbrechen, die meist ein spektakuläres Bild der Gewalt und ihrer Opfer zeichnet. Jenseits dieser Medienberichte bleiben die Betroffenen als Gruppierung in der südafrikanischen Gesellschaft jedoch weitgehend unsichtbar.

In ihrer Serie „Faces and Phases", mit der sie 2006 begann und die sie bis heute fortführt, rückt die ausgebildete Fotografin mit Schwarz-Weiß-Porträts lesbische Frauen, Transgender und nichtbinäre Frauen in den Blickpunkt. Die Serie besteht aus mittlerweile mehr als 250 Bildern, die Menschen aus unterschiedlichen Alters- und Berufsgruppen zeigen. Anfangs fotografierte Muholi Personen aus ihrem unmittelbaren Umfeld und immer wieder sich selbst. Als Protagonistinnen des fotografischen Werkes werden sie automatisch auch Teil des aktiven Widerstands. Die Tatsache, dass einige der porträtierten Frauen im Kampf für einen offenen Umgang mit Sexualität Opfer von Hassverbrechen wurden, unterstreicht das vorliegende Unrecht. In „Faces and Phases" blicken die Porträtierten den Betrachter direkt an. Damit gibt Zanele Muholi jeder einzelnen Person eine ungeheure Präsenz und macht sie sowohl als Teil einer Gemeinschaft als auch als Individuum sichtbar. Auch wenn vielen von ihnen die Spuren dessen, was sie erleben mussten, ins Gesicht geschrieben sind, erscheinen sie alle stark, wenn auch verletzlich, und verweigern sich jeglicher Opferhaltung. Das Besondere an den ruhigen und konzentrierten Porträts liegt in ihrer würdevollen Intensität.

Letztlich erschafft Muholi mit ihren ehrlichen, berührenden Bildern ein dokumentarisches Archiv all jener, die täglich ausgegrenzt werden und sich unsichtbar fühlen, obwohl sie eigentlich nur eines wollen: gesehen und akzeptiert werden.

Biografische Daten

1972

geboren in Durban, Südafrika

2009

Master in Dokumentarischen Medien an der Ryerson Universität, Südafrika

2016

International Center for Photography Infinity Award für Dokumentar und Photojournalismus

lebt in Johannesburg, South Africa