Die Sammlung

Die Art Collection Deutsche Börse zählt zu den bedeutendsten Sammlungen internationaler zeitgenössischer Fotografie. Sie umfasst aktuell über 2.000 Werke von rund 130 Künstler*innen aus 27 Nationen. Die Sammlung besteht seit 1999 und wird seitdem stetig erweitert. Sie widmet sich den zentralen Themen der zeitgenössischen Fotografie ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Bogen an Sujets spannt sich von Landschaftsaufnahmen über Porträts, Stillleben und Interieurs bis hin zur Straßenfotografie. Allen gemeinsam ist jedoch die Beschäftigung und Erforschung der „conditio humana“, das Ausloten der Bedingungen des menschlichen Daseins und seiner Verortung in der Welt. Dass Werke von musealer Qualität nicht nur dort entstehen, wo für den Kunstmarkt oder die Museumswand produziert wird, zeigt die Einbindung umfangreicher Werkgruppen der Dokumentar- und Reportagefotografie in die Sammlung.

Die Deutsche Börse Photography Foundation verantwortet die Weiterentwicklung, Präsentation und den Erhalt der Art Collection Deutsche Börse. Über diese Website ermöglicht sie den virtuellen Zugang zum gesamten Sammlungskörper. Unter der in alphabetischer Reihenfolge sortierten Rubrik „Künstler*innen“ finden Sie jeweils alle erworbenen Werke und begleitende Informationen zu ihrem Leben und Schaffen.

 

Die Welt mit anderen Augen betrachten

Das Wesen der Fotografie macht sehr viel mehr aus als das Abbilden der Realität. Wie durch ein Fenster lässt sie den*die Betrachter*in die Welt mit den Augen der Künstler*innen sehen und somit an deren Eindrücken und Erlebnissen teilhaben. Dadurch offenbart sich Erstaunliches: große Momente und kleine Begegnungen, gegenwärtige und vergangene, an fremden ebenso wie an vertrauten Orten. Sie eröffnet Perspektiven, die der Wahrnehmung sonst verschlossen blieben. Von dieser schöpferischen Kraft der Fotografie zeugen auch die Werke der Art Collection Deutsche Börse.

In ihr finden sich künstlerische Positionen, die einem konzeptuellen Ansatz folgen, ebenso wie Arbeiten der Reportage- und Dokumentarfotografie. Sie umfasst Werkgruppen aus der frühen Mitte des 20. Jahrhunderts bis in die heutige Gegenwart. Sie alle kreisen um das zentrale Thema der Sammlung: die Auseinandersetzung der Künstler*innen mit den Veränderungen, die gesellschaftliche und politische Entwicklungen mit sich bringen, und mit den Spuren, die diese hinterlassen. Ihre Herangehensweisen, dies in ihren Arbeiten sicht- und spürbar zu machen, sind dabei ebenso vielfältig wie ihre Herkunft, ihr Alter oder ihr Selbstverständnis als Künstler*in. Die Bandbreite reicht hierbei vom abbildenden und beschreibenden Ansatz bis zum künstlerischen Experiment. Jede Künstler*innengeneration macht ihre eigenen Entdeckungen und sieht sich zugleich mit der kontinuierlichen Herausforderung konfrontiert, das Gegenwärtige zu entschlüsseln. Gerade bei den Künstler*innen der jüngeren Generation kann man in diesem Prozess auch eine intensive Auseinandersetzung mit bereits vorhandenem fotografischen Material erkennen, dem sie mittels Bearbeitung und Verfremdung ein neues Narrativ entlocken. Dabei machen sie deutlich, dass jede Fotografie sowohl ein Dokument als auch ein Zeitzeugnis ist, vor allem aber eine Interpretation von Wirklichkeit, bei der weniger das Gesehene als vielmehr die Sichtweise entscheidend ist.

Die Künstler*innen der Sammlung stellen unter Beweis, dass die Fotografie, auch wenn sie stets von Vergangenem berichtet, sehr zukunftsweisend sein kann. Denn indem sie vermeintlich unscheinbare Spuren zu Wegweisern oder gar Mahnmalen werden lassen, machen sie bisweilen nicht nur sichtbar, was war, sondern auch, was noch nicht ist. Mit unterschiedlichen Techniken und Formaten gelingt es ihnen, ein Stück Welt-, Bild- und Lebensgeschichte zu vermitteln, das unsere Wahrnehmung prägt und unser Bildgedächtnis bereichert. Der medialen Berichterstattung, die immer schnelllebiger wird und sich in der Ökonomie der Aufmerksamkeit behaupten muss, setzen sie etwas entgegen, das subtiler, langsamer, aber dafür nachhaltiger ist.

Seit den Anfängen der Art Collection haben wir es uns nicht nur zur Aufgabe gemacht, Werke von höchster Qualität zusammenzutragen, sondern auch ihrer Vermittlung besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht zuletzt, weil das Potenzial für Imagination, Konstruktion und Manipulation in der Fotografie immer noch häufig unterschätzt oder verdrängt wird. Denn allzu leicht schiebt sich deren verführerische Anmutung als reines Dokument in den Vordergrund. Dies zu erkennen, zu verstehen und die schöpferische Dimension fotografischer Bilder wahrzunehmen, erfordert eine reflektierte Betrachtung – das Erlernen, Bilder zu lesen. Dann ermöglichen die Kunstwerke den Betrachter*innen, die Begrenztheit ihrer Wahrnehmung zu überwinden und ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren. Schließlich hängt es nicht nur von den Arbeiten selbst ab, ob es gelingt, am Dokument Übergeordnetes aufzuzeigen und am Individuellen Prinzipielles, sondern auch vom Bilderkanon ihrer Betrachter*innen und ihren Assoziationen und Bezügen, die sich ihnen aufgrund ihrer Seherfahrung erschließen.

Gerade in einem unternehmerischen Umfeld, in dem Kunstwerke nicht selbstverständlich ihren Platz einnehmen, ist es von Bedeutung, die Auseinandersetzung mit den Fotografien der Künstler*innen immer wieder proaktiv zu stimulieren und ihre Präsentation mit zahlreichen Angeboten der Vermittlung zu begleiten. Dies beginnt mit der Zugänglichkeit der Werke an den internationalen Lokationen der Deutschen Börse und in Form regelmäßig wechselnder Ausstellungen. Das Sammeln umfangreicher Werkgruppen von jeder*jedem Künstler*in ermöglicht zudem ein tieferes Eindringen in ihre*seine Bildsprache, als es Einzelwerke vermögen. Schließlich schafft das Gegenüberstellen verschiedener künstlerischer Positionen ein tieferes Verständnis für die Bezüge, die zwischen den Arbeiten existieren, und trägt dazu bei, dass sich die Arbeiten in ihrer Wirkung gegenseitig aufladen und verstärken. Immer wieder sind die Ausstellungen der Art Collection Anlass, um Begegnungen zu schaffen, nicht nur mit der Fotografie, sondern auch als Ausgangspunkt für den Dialog, Diskussionen, Vorträge und Reflektion. Das Teilhaben-Lassen der Belegschaft an den Aktivitäten der Art Collection ist essenziell, damit die Fotografien eine nachhaltige Rolle im Unternehmen übernehmen können: Sie werden ein Stück lebendige Unternehmenskultur.